— 5—
Zu II 11 OQuid bell. Cant. heißt es:„Der Dichter wähnt leben zu können, indem er nur den Augen⸗ blick froh genießt; aber dieſes„froh“ iſt, wie der Schluß zeigt, ſchon damals(!) bei ihm ein„künſtleriſch und edel“. Dabei enthält der Schluß eine Einladung des grauköpfigen Dichters an ein scortum! Seltſam iſt der Tadel III 13 O fons Band.:„Zu viel Tatſachen, zu wenig Stimmung, zu anſchaulich(!, zu wenig gefühlerregend; der anlockende nixenhafte Reiz des Waſſers tritt für unſer Gefühl zu wenig hervor“. Den rein ſatiriſchen Charakter der Ep. 2 Beatus ille hat R.— wie Kießling— nicht er⸗ kannt. Das zeigt außer Einleitung und Schlußwort die Note zu V. 40 und noch draſtiſcher der naive Ausruf der Entrüſtung zu V. 33 tendit retia turd.:„Kein Wort des Tadels über den ſchnöden Fang der Vögel!“ Man vergegenwärtige ſich die Situation. Ein hauptſtädtiſcher Wucherer ſingt in einer Anwandlung von Sentimentalität das Lob idylliſchen Landlebens. Selbſt der Winter hat ſeine Freuden: Jagd und Vogelfang. Wie fände da ein Wort des Tadels im angegebenen Sinne Platz? Zudem ver⸗ mißt R. bei den Römern jener Zeit eine Humanität, die dem Italiener noch heute völlig fremd iſt und den Deutſchen erſt 1908 durch Reichsgeſetz aufgezwungen werden mußte. Gänzliches Verkennen des Sinns verrät auch die Anm. zu I 24 Ouis desid. sit pudor aut modus:„pudor müßte den Dichter vor dem hohen Stoff des 99 7oC, modus vor allzu großer Trauer, die den Göttern verhaßt iſt, zurückhalten“. In Wirklichkeit iſt natürlich auch mit pudor jene Scheu vor maßloſen Außerungen der Trauer gemeint, die zu allen Zeiten als nicht wohlanſtändig galt.
Daß Horaz, der Dichter der Satiren, auch wohl einmal in den Oden eine humoriſtiſche Ader zeigt, wird niemand leugnen. Aber es zeugt doch nicht von tiefem Eindringen in das Verſtändnis des Dichters, wenn R. Humor, Komik u. dergl. an den ungeeignetſten Stellen findet. Die bitter ernſte 6. Römerode ſoll„tragiſcher Humor“ durchziehen; 1 2, 20„im Ausdruck wie in der Wortbrechung (u— xorius amnis) ¹) die ſatiriſche Laune zum Durchbruch“ kommen, II 3, 24 victima nil mis. Orci„das komiſche Bild einer Herde“ ſein. Auch die Wendung propr. cond. horreo I 1, 9 findet R.„humoriſtiſch“, ebenſo regali situ in dem durchaus ernſten Liede III 30. Pro quo bis pat. mori III 9, 15 iſt ebenſo wenig„mit komiſchem Pathos“ geſprochen wie das Sokratiſche 0!Näxiꝓς 20 ε⁴ rsdvdvat bei Plato. Domus exilis Plutonia wird„ein ſarkaſtiſches Oxymoron“ genannt, ſelbſt non est meum ad mis. preces decurrere findet er„ſarkaſtiſch“. Wenn H. ſich Ep. 1, 16 imbellis nennt, ſo iſt das nicht„ſcherzhaft tadelnd“, ſondern ein Gedanke, den er oft genug vollkommen ernſt und ſicherlich der Wahrheit entſprechend ausgedrückt hat. I 6, 15 nennt H. den Tydiden ope Palladis superis parem. Dazu R.:„Nicht ohne humoriſtiſche Anſpielung auf Diomedes: rpsd S' 05z 25 II. A.“ Den Anfang des 5. Geſangs der Ilias hat H. ja wohl gekannt, und von Humor enthält die Stelle keine Spur.
3. Roſenberg hat(Vorw. ³) alle Schriften über H. geleſen, leider oft verſtändnis⸗ und kritik⸗ los. Kritiklos, denn gerade die verſchrobenſten Einfälle mancher Ausleger macht er ſich zu eigen. Drei Proben: Zu I 20, 9 Caecub. et Cal. tu bibes; mea nec Fal. temp. vites neque Form. poc. colles ſagt Nauck: nec— neque nicht„weder— noch“, ſondern„weder— auch nicht“, und R. greift die ganz undeutſche und unmögliche Wendung auf. Es muß heißen:„auch nicht— noch“, damit die Negierung auf die im erſten Satzglied genannten Weine(Caec. et Cal.) ausgedehnt wird. III 1, 33 contr. pisc. aequ. sentiunt erklärt R. nach Stier:„Die Römer ließen zuweilen ein Stück Meer, der muraenae und andrer koſtbarer Fiſche wegen, eindämmen.“ Durch die ſchiefe Deutung wird die bewußte ſtarke Hyperbel völlig zerſtört: Die Fiſche im freien Meer fühlen ſich beengt durch in die See vorge⸗ ſchobene Bauten. III 11, 9 velut l. equa tr. campis ludit... marito. Gewiß fließen Vorbild und Gleichnis in einander(Kie.), aber es iſt doch klar, daß das exult. ludit campis vorwiegend auf das Füllen geht, nuptiarum-marito auf das Mädchen. Allein Nauck bemerkt:„Unter dem proterv. marit. iſt ſicher equus in vener. ruens zu verſtehen“, und ihm folgt R.:„nuptemarito gehen noch auf die equa.“ Aber ſagt denn wirklich ein Menſch bei geſundem Verſtande von einem Fohlen, es wolle noch nichts von Hochzeit wiſſen und ſei noch nicht reif für den lüſternen Gatten(Buhlen)? Um das Groteske der Komik zu erhöhen, findet R. das cruda(vom Pferde gebraucht!)„derb“ und überſetzt es mit „ſpröde“!— Anderwärts hat R. augenſcheinlich ſeine Quellen gar nicht verſtanden. III 2, 8 lieſt man gewöhnlich: virgo suspiret:„eheu, ne r. a. sponsus lac. reg. a. t. leonem“. Dagegen Kie. vir go suspiret, eheu, ne r... mit der Begründung:„Es iſt nicht direkte Rede— wie könnte es in dieſer reg. spons. heißen oder zu ihr das beſchreibende quem... rapit paſſen— ſondern drückt die Empfindung der Braut aus: susp. mit Seufzen befürchten“. R. übernimmt in der 4. Aufl. unter Beibe⸗ haltung der herkömmlichen Lesart die Bemerkung:„Empfindungen des Mädchens“, eine
¹) In früyeren Auflagen hieß es:„Die Wortbrechung malt die Überſchwemmung!“


