Aufsatz 
Eine Ferienreise nach dem Goldnen Horn
Entstehung
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einem ganzen Arſenal von Farbentöpfchen allenthalben bereit ſtehen. Ich glaube mit der Behauptung nicht zu übertreiben, daß ſich in einer Haupt⸗ ſtraße von Galata deren mehr finden als in allen Städten Deutſchlands zuſammen. Der Straßenſchmutz bringt mich auf die herrenloſen Hunde, denen man wohl mit Unrecht große Bedeutung für die Säuberung der Stadt beimißt. Soviel man von ihnen auch ſchon gehört hat, ſo bleibt doch jede Vorſtellung hinter der Wirklichkeit zurück. Man denke ſich eine ſehr lebhafte, 7 m breite Straße(ſo ſchmal iſt die Große Peraſtraße in ihrem unteren Teil); in ihr liegen den lieben langen Tag auf Fahrdamm und Fußſteig Gruppen von Hunden, ſchlafend oder doch ruhend. Jeder Paſſant ſteigt vorſichtig über ſie weg; jeder Reiter und Fuhrmann weicht ihnen aus. Verjagt man eines der meiſt mittelgroßen, gelblichen Tiere von ſeiner Lagerſtatt, ſo bettet es ſich unter gekränktem Knurren und Bellen ein paar Schritte ſeitwärts. Ed. Engel, der leicht enthuſiaſtiſch wird, hat den Ausſpruch getan,*) von den Bewohnern Konſtantinopels ſeien ihm die Hunde am liebſten. Das iſt natürlich ſtark übertrieben, ebenſo ſeine Behauptung, ſie biſſen nie einen Menſchen. Ich war Zeuge, wie ein halbwüchſiger Bengel einen derben Biß in die Wade bekam, freilich von einer Hündin, deren Junge er geneckt hatte; denn die Wochen⸗ ſtube dieſer Tiere iſt natürlich die Gaſſe. Tatſächlich befreundet man ſich aber bald mit den anſpruchsloſen Geſchöpfen, die ihre dürftige Nahrung gelegentlich noch mit den Aasgeiern teilen müſſen, und man verzeiht ihnen das Geheul, das ſie oft des Nachts erheben.

In meinem Gaſthaus hatte ich zufällig Gelegenheit, Proben türkiſcher Kammermuſik zu genießen. Für einen Berliner Unternehmer trug ein Hofſänger des Sultans ſtundenlang einem Phonographen ſeine Lieder vor. Es war für unſern Geſchmack ein unſäglich monotones Geplärr, doch erzählte der Wirt, ein rumäniſcher Jude ſei dadurch zu Tränen gerührt worden.

So wenig Verlockendes das öde Hinterland von Stambul bietet, ſo genußreich iſt eine Dampferfahrt auf dem Bosporus. Von der Galata⸗ Brücke gehen in kurzen Pauſen die meiſt gut beſetzten kleinen Dampfer ab. In faſt ununterbrochener Linie ziehen ſich an beiden Ufern freundliche Dörfer, Villen, Schlöſſer und Parkanlagen hin, und die Mauern der Häuſer und Gärten werden unmittelbar von der Flut beſpült. Einen beſonders guten Eindruck macht Therapia, der Sommeraufenthalt

*) Wochenbeilage der Darmſtädter Zeitung vom 22. Sept. 1906,