Aufsatz 
Eine Ferienreise nach dem Goldnen Horn
Entstehung
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Miſeno ſteuert in leichtem Bogen das Schiff dem Hafen zu. Erſt ſpät wird tief im Hintergrunde der Bucht Neapel ſichtbar; ſo weit das Auge reicht, iſt die Küſte weithin mit freundlichen, weißſchimmernden Häuſern bedeckt. Sie bilden in den Vorſtädten nur eine ſchmale Linie, aber das Zentrum der Stadt zieht ſich in kompakten Maſſen weit land⸗ einwärts und klettert an den Berghängen empor. Das Häuſermeer wird überragt von dem Kaſtell San Elmo, zu dem eine Drahtſeilbahn hinaufführt. Und drüben im Hintergrunde ſteigt, nun nicht länger ver⸗ kennbar, majeſtätiſch der Veſuv mit ſeinem kahlen, rötlichen Gipfel empor, dem von Zeit zu Zeit ein leichtes Wölkchen entquillt. Rückwärts ſchauend erblicken wir die Felſeninſlel Capri. Und wiederum tauchen, um von andern Erinnerungen zu ſchweigen, Homeriſche Geſtalten vor uns auf. Hier am Vorgebirge von Capri hatten nach der uralten Lokalſage die Sirenen ihren Sitz. Und in der Tat, wenn nach Müllenhoff(D. A. I 54) dieſe Sagenur da einen Sinn hat, wo lachende Ufer den Schiffer anlocken, aber unter der glatten täuſchenden Meeresfläche Klippen und Untiefen drohen, wo wäre namentlich die erſte Bedingung beſſer erfüllt als auf der Inſel, die von den Zeiten des Tiberius bis auf den heutigen Tag den ſtärkſten Reiz auf alle Beſucher ausgeübt hat? Auch nach Neapel ſpielt die Sage hinüber, wenigſtens in der nachhomeriſchen Form, der zufolge die 3 Schweſtern, als Odyſſeus vorübergefahren, ſich ins Meer ſtürzten. Die Leiche der älteſten, Parthenope, ward in Neapel beſtattet und göttlich verehrt; eine Straße dortſelbſt führt noch heute ihren Namen.

Doch wir lenken den Blick aus zeitlichen und räumlichen Fernen in die nächſte Umgebung zurück. Längſt haben es induſtriell veranlagte Eingeborene gelernt aus den wenigen Gäſten, die an Bord geblieben ſind, Gewinn zu ziehen. Auf Kähnen umſchwärmen ſie das Schiff und holen Silbermünzen, die man ins Meer wirft, mit unfehlbarer Sicherheit tauchend herauf. Nach Einbruch der Dunkelheit naht ein anderes Boot; zum Klang der Mandoline ſingen Burſchen und Mädchen heimatliche Lieder. O bella Napoli, santa Lucia ſchallt es über die Wellen, während ſie im umgekehrten Regenſchirm die willig geſpendeten Gaben auffangen. Iſt doch die Bevölkerung hier, am Urſprungsort der herrlichſten aller Volks⸗ weiſen, muſikaliſch reich beanlagt. Auch das Bild der zigeunerhaften Geſtalten iſt höchſt anziehend und wäre es noch mehr, wenn nicht die ſchwarzhaarigen, ſchwarzäugigen Mädchen, kaum 1213 jährige Dinger, mit Blicken und Geſten der raffinierteſten Chantant⸗Tänzerin Konkurrenz zu machen imſtande wären.