Aufsatz 
Eine Ferienreise nach dem Goldnen Horn
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

bereuen, die ich ohne Not in Mailand zugebracht hatte, das, vollkommen flach gelegen und alles italieniſchen Charakters bar, außer dem herrlichen Dom nicht eben viel des Sehenswerten bietet und an Schönheit ſich nicht entfernt mit Genua meſſen kann. Mir waren die engen, ſchmutzigen, echt ſüdländiſchen Gäßchen in ihrer Eigenart kaum weniger anziehend als die vornehmeren Straßen mit ihren ſtolzen Paläſten aus der Blütezeit der Republik. Dem Sonntag zum Trotz, um den man ſich auch in Rom nicht viel kümmert, wurde ein lebhaft beſuchter Wochenmarkt abgehalten, und ich bekam hier einen Vorgeſchmack von dem trefflichen Obſt des Südens. Doch die Zeit drängte, und ich eilte zum Hafen.

Vor jeder Dienſtleiſtung, die man von einem Italiener oder Griechen fordert, heißt es: akkordieren. Doch auch damit geht man nicht immer ſicher. Ich hatte mit dem Fergen 1 L. ausgemacht, um mich und mein bischen Gepäck an Bord derGalata zu bringen. Kaum waren wir abgeſtoßen, als er das Doppelte forderte, weil das Schiff ſo weit draußen liege. Das war wohl richtig; allein der ſchlaue Burſche hatte es genau vorher gewußt und doch der Konkurrenz wegen eine beſcheidene Forderung geſtellt. Wir einigten uns dann auf 1 ½ L. Im Orient kommt es vor, daß die Fährleute mitten auf dem Waſſer das Rudern einſtellen, wenn man ihnen keine Zulage bewilligt.

Bald war nun dieGalata erreicht, auf der ich unter 20 30 Paſſagieren I. Klaſſe auch zwei(bayeriſche) Kollegen vorfand. Wir haben noch Zeit zur Umſchau in dem prächtigen Hafen, der nur mäßig beſetzt iſt. Mit zahlreichen bunten Wimpeln beflaggt ſticht da drüben ein Vergnügungsdampfer in See, deſſen Kapelle muntere Weiſen ertönen läßt. Fliegende Händler bieten von ihren Kähnen aus lockendes Obſt feil, das flotten Abſatz findet. Doch jetzt wird auch bei uns das Fallreep aufge⸗ zogen; dreimal läßt die Sirene ihre mißtönende Stimme erſchallen, und langſam ſteuert das Schiff zwiſchen den anderen Fahrzeugen bindunh in die offene See hinaus.

Während man vom Schuellzuge aus die ſchönſten Punkte gerade nur vorbeifliegen ſieht, wie gemächlich läßt ſich vom Schiff aus jede Einzelheit betrachten! Stunden vergehen, ehe Genua außer Sicht kommt, und vom Meere aus präſentiert ſich die Stadt womöglich noch ſchöner als von den berühmten Ausſichtspunkten auf dem Lande, etwa vom Leuchtturm oder vomRighi. In der Form eines gigantiſchen Amphitheaters ſteigen die Häuſermaſſen der Stadt vom Meere aus an den Bergen empor, die von Villen, Kapellen und Feſtungswerken in buntem Gemiſch gekrönt ſind: ein