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Es heißt die Eigenartigkeit der ganzen Erſcheinung verkennen, wenn Jemand, wie das ſchon geſchehen iſt, den Urſprung des Reims bei einem beſtimmten Volke oder in einer beſtimmten Zeit finden zu können glaubt. Der Hang zu ſeiner Bildung iſt eben, wie A. Fuchs a. a. O. S. 250 mit Recht betont, dem Menſchen ſo angeboren wie der zu Geſang und Tanz. Das Kind formt halb unbewußt den Reim, weil der Klang ſeinem Ohr gefällt, und bei ihm wie bei dem Volke, in dem Verschen und Redensarten mit Reim und Allitte⸗ ration maſſenhaft in Umlauf ſind, tritt die Bedeutung dabei oft ſo ganz zurück, daß Worte völlig unpaſſend und ſinnlos nur der lautlichen Harmonie zu Liebe zuſammengeſtellt erſcheinen.
Es wäre wunderbar, wenn die Menſchen des Altertums in dieſer Beziehung anders organiſiert geweſen wären als die von heute. Trifft dieſe Analogie aber zu, dann müſſen wenigſtens Spuren des Gleichklangs auch bei allen Völkern des Altertums aufzufinden ſein. Bezüglich der Allitteration, die als die ältere und rohere Vorläuferin des vokaliſchen Reims anzuſehen iſt, war das eine längſt bekannte Thatſache; nicht nur für Römer und Griechen, ſondern z. B. auch für Aegypter und Hebräer.*) Aber auch für den Reim hat man in der früheſten Litteratur aller der genannten Völker wie im Altdeutſchen aus der Zeit vor Otfried**) neuerdings unverkennbare Spuren und Anfänge mit Sicherheit nachgewieſen.
Ueber das Aegyptiſche vergl. G. Ebers, Der Klang des Altägyptiſchen und der Reim(Zeitſchrift für ägyptiſche Sprache und Altertumskunde 1877. II S. 45:„Ich glaube den Reim in einer Anzahl von Texten entdeckt zu haben; nicht den regelmäßig wiederkehrenden Reim am Ende der Verszeilen, ſondern den Reim als zwanglos benutztes poetiſches Hilfsmittel, als Schmuck der Rede.“ Das käme alſo genau auf dasſelbe heraus, was ſich über ſeinen Gebrauch bei Griechen und Römern ſagen läßt.— Etwas gar vorſchnell leitet K. Sittle*“) hieraus die Behauptung ab, der Reim ſei bei den Aegyptern entſtanden und habe von da ſeinen Weg in die lateiniſche Dichtung gefunden.
Wenn nun aber Griechen und Römern der Reim ſchon in der früheſten Zeit nicht fremd war, ſo drängt ſich uns unwillkürlich die Frage auf, weshalb derſelbe durch lange Jahrhunderte auf eine nebenſächliche Rolle beſchränkt geblieben iſt. Denn wenn auch, wie wir geſehen haben, einzelne Dichter und Dichtungsgattungen bald dieſe, bald jene Abart dieſer Kunſtform mit einem gewiſſen Wohlgefallen angebaut haben: Die Thatſache läßt ſich nicht verhehlen, daß der Reim für gewöhnlich eher v ermieden wurde, als daß man ihn gefliſſentlich geſucht hätte.**n) Es ſcheint demnach in den beiden Sprachen ſelbſt ein Moment gelegen zu haben, das die freie Entfaltung des im Keim vorhandenen Reims zurückhielt. Einen ſeltſamen und wenig glücklichen Verſuch, dieſe Thatſache zu erklären, macht ein Buch, das man immer noch hier und da citiert findet: Poggel, Grundzüge einer Theorie des Reims und der Gleichklänge, Hamm i. W. 1834. Von zwei Punkten, ſo meint P., ſei die Bildung des Reims abhängig, nämlich 1) von der Gefühlsweiſe des dichtenden Volkes und 2) von der Eigentümlichkeit ſeiner Sprache. In beiderlei Beziehung habe Griechen und Römern die Vorbedingung zur Reimbildung gefehlt. Bei Beſprechung des erſten Punktes ver⸗ liert ſich der Verfaſſer ganz in verſchwommenen Theorieen. Der Reim, ſo meint er, verlange eine romantiſche Gefühlsweiſe, wie ſie der klaren, plaſtiſchen Anſchauung der Alten fremd ſei. Die antike Poeſie könne man dem entſprechend Geſichtspoeſie, die moderne, romantiſche, Gehörspoeſie nennen.— Man braucht ſich nur die innige Verſchmelzung von Rhythmik und Muſik in der meliſchen und choriſchen Poeſie der Griechen zu ver⸗
*) Vergl. u. a. Hopf, Allitteration, Aſſonanz und Reim in der Bibel. Erlangen 1883. **) Vergl. Gerber, die Sprache als Kunſt II, 2. **) S. d. Nachſchrift zu Wölfflins mehrerwähnt er Abhandlung„Der Reim im Lateiniſchen“.
*rr) Was will es beiſpielsweiſe beſagen, wenn man für Vergil(Fuchs S. 274 nach Meéril, Poésies popul. lat.) herausgerechnet hat, daß 7% aller Verſe(924: 12914) den leoniniſchen Reim an ſich tragen? Denn zugegeben auch, daß dieſe Zahl nicht zu hoch gegriffen ſei, ſo muß man ſich doch fragen: welche Mühe hätte es den Dichter gekoſtet, wenn ihm wirklich dieſe Form ſo wohl gefiel, ſie auf die zehnfache Anzahl von Verſen auszudehnen?


