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gegenwärtigen, um das unpaſſende der gewählten Bezeichnung einzuſehen. Aber P. geht noch weiter; er führt die verſchiedene Anlage der Alten und der Neueren auf die phyſiſchen Verhältniſſe ihrer Wohnſitze zurück: „So wie der Süden mehr Sonne und Licht hat als der Norden, und ſo wie Pflanzen, Thiere und Steine „jener Zone in reicheren und helleren Farben prangen als die des Nordens, ſo beſitzt auch das geiſtige Leben „des Südländers mehr Licht und Auge als das ſeiner nordiſchen Brüder. Denn die Einbildungskraft und „Anſchauung iſt das Auge der Seele.—— Und ſo wie die Natur im Norden mehr Dunkelheit und Schall „als Licht und Form beſitzt, ſo ſcheint auch das geiſtige Leben ſeiner Bewohner mehr Ton und Ohr zu haben „als der Südländer. Denn das Gefühl iſt das Ohr der Seele. Faſſen wir das Ganze nun zuſammen, ſo „haben wir folgende Analogieen: Der Süden entſpricht dem Lichte; das Licht dem Auge; das Auge der „Einbildungskraft; die Einbildungskraft der Plaſtik; die Plaſtik dem Rhythmus. Der Norden entſpricht der „Dunkelheit, der Bewegung und dem Schalle: der Schall dem Ohre; das Ohr dem Gefühle; das Gefühl „der Muſik; die Muſik dem Reime. Und ſo fangen wir an, Geſetze zu ahnen, wodurch Nahes und Fernes „in Verbindung tritt. Wir ahnen es, wie zwiſchen dem Laufe der Planeten und dem Verſe oder Reime eines „Dichters ein ununterbrochener Zuſammenhang waltet“.— Es genügt zur Widerlegung dieſer ganzen phan⸗ taſtiſchen Theorie der Hinweis auf die bereits angedeutete Thatſache, daß die antike„Geſichtspoeſie“ mit der Muſik weit enger verſchwiſtert war, als die moderne„Gehörspoeſie“.
Was den zweiten Punkt betrifft, die ſprachliche Eigentümlichkeit des dichtenden Volkes, ſo wird niemand leugnen, daß die eine Sprache mehr, die andere weniger zur Ausbildung des Endreims geeignet iſt. Wenn aber die modernen Sprachen reimfähiger ſind als die alten, ſo liegt das ganz gewiß nicht an dem größeren Vokalreichtum erſterer, wie Poggel meint, aus dem einfachen Grunde, weil ein ſolcher in der That gar nicht vorhanden iſt. Die deutſche Sprache z. B. für vokalreicher zu erklären als die lateiniſche oder gar die griechiſche, iſt ein Paradoxon, das keiner Wiederlegung bedarf.
Näher kommt P. der Wahrheit, wenn er eine Urſache größerer Reimfähigkeit der modernen Sprachen in dem Fehlen der Flexionsendungen ſieht; aber er begründet auch dieſen Satz verkehrt:„es werfe ſich infolge deſſen Anſchauung und Begriff vorwiegend auf die flexionsbildenden Präpoſitionen und Hülfszeitwörter(!), und die Wörter der ſinnlichen Hauptbedeutung blieben von zu vieler Anſchauung frei“. Eine ſeltſame Behaup⸗ tung; aber nun fährt er gar fort: bei den Alten dagegen, wo die meiſten Orts⸗, Zeit⸗ und Perſonenverhält⸗ niſſe durch Flexionsendungen ausgedrückt würden, ſei bei dem Wortklang Anſchauung und Verſtand zu ſehr beſchäftigt, als daß die Muſik desſelben vom Gefühl empfunden werden könnte.— Das heißt mit andern Worten behaupten, daß einem Griechen oder Römer über der Beobachtung der Flexionsendungen und ihrer Bedeutung jede Empfindung der ſprachlichen Schönheit verloren gegangen ſei.
Indeſſen enthält der Satz, daß die Flexionsendungen in den antiken Sprachen reimhindernd gewirkt hätten, einen wahren Kern; nur iſt dabei ein zweites Moment mit in Betracht zu ziehen: der Einfluß des Quantitäts⸗ bezw. Accentgeſetzes. Im Deutſchen ruht der Ton durchaus auf den Stammſilben, und dieſe ſind ausſchließlich die Träger des Reims, nicht die tonſchwachen Endungen. Anders ſteht es mit den antiken Sprachen. Von einem Wortaccente, einer Tonſilbe in unſekem Sinne kann bei ihnen keine Rede ſein. Das nämliche Wort iſt bald laüdo, bald laudävi, bald laudavérimus betont. Hierin liegt bekanntlich der Grund, weshalb eine accentuierende Dichtung in jenen Sprachen nicht auffkͤaun. Die Endungen ſpielen dabei eine ganz andere Rolle. Sie haben ihren vollen Ton bewahrt, und oft genug werden gerade ſie zu Trägern des Wortaccentes. Wurden dieſe nun noch durch Hinzutritt des Reimes verſtärkt, ſo traten die an ſich faſt bedeutungsloſen Flexionsſilben in einer Weiſe hervor, die das Gleichgewicht eines Wortes ſtören, den Wohllaut der Sprache beeinträchtigen mußte. Verſe wie die auf— escere,— ari und— arier, die aus Ennius und Plautus bekannt ſind, klingen ſelbſt für unſer reimgewohntes Ohr unſchön. Kein Wunder alſo, wenn die Alten einen ſolchen Gleichklang für gewöͤhnlich vermieden, zumal er bei der ſo häufigen Ueber⸗


