Aufsatz 
Gleichklang und Reim in antiker Poesie / von Otto Dingeldein
Entstehung
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Wer die im vorigen Abſchnitt behandelten Erſcheinungen mit den von Grimm gewonnenen Reſultaten zuſammenhält, die trotz mannigfacher Uebertreibungen im Weſentlichen unanfechtbar ſind, der wird ſich billig über die ablehnende Haltung wundern müſſen, welche gerade neuere Forſcher in der Frage einnehmen. So beginnt u. a. Uſener ſeinen oben erwähnten Aufſatz, in dem er den Gebrauch des Reims im Lateiniſchen auf den trochäiſchen Septenar beſchränkt ſein läßt, mit folgenden Worten:Schon öfter hat man den Verſuch gemacht, bei den Dichtern des Altertums Spuren und gleichſam Vorläufer des Reims lalſo nicht einmal die gibt er zu!] nachzuweiſen. Man hat Erzeugniſſe des Zufalls etwas vorſchnell für beab⸗ ſicht genommen. Wer dieſe Anſicht noch teilt, ſei darauf aufmerkſam gemacht, daß auch die römiſchen Nationalgrammatiker und Rhetoriker Allitteration, Aſſonanz und Reim kennen und ihre Anwendung teils als Schmuck der Rede empfehlen, teils als Spielerei oder Nachläſſigkeit verwerfen. Die wichtigſten Stellen ſind Cornif. ad Herenn. IV, 12,18; 20,28; 22,32. Cicero Orat. 12,38. 84. De Oratore 3,206. Quintilian IX, 3,75. 4,41. Gellius 18,8.

Gleichfalls in Gegenſatz zu Grimm ſtellt ſich ganz neuerdings E. Wölfflin in einer ſehr eingehenden AbhandlungDer Reim im Lateiniſchen in ſeinemArchiv für lateiniſche Lexikographie und Grammatik 1 (1884) S. 352. Wölfflin argumentiert ſo. Weder Gleichheit einer noch zweier kurzer unbetonter Schluß⸗ ſilben genügt zum Reim, auch nicht Uebereinſtimmung der grammatiſchen Suffire und Endungen.Soll der Reim eine Auszeichnung ſein, ſoll eine gewiſſe Kunſt, eine kleine Geiſtesthat darin liegen, zwei reimende Worte zuſammenzubringen, ſo müſſen wir außer der Endung und dem Ableitungsſuffixe auch noch die Gleichheit eines Buchſtabens oder einer Silbe des Stammes in Anſpruch nehmen. Nach Maßgabe dieſer Definition erkennt W. calcaribus-montibus, nocturnus-diurnus nicht als Reim an und geht demgemäß über die Grimmſche Arbeit irrtümlich nennt er dabei den älteren Bruder Jakob als Verfaſſer einfach zur Tagesordnung über. Man wird gegen die von W. vorgenommene Einſchränkung des Begriffes Reim an ſich nichts einwenden können, zumal ſie unſerer modernen Auffaſſung durchaus entſpricht. Allein dann iſt die Aufgabe, die er ſich ſtellt, grundverſchieden von dem, worum es ſich hier handelt. In der antiken Litteratur dem nachjagen, was wir heute einen korrekten Reim nennen, heißt etwas ganz anderes thun, als in derſelben den erſten Anfängen dieſer Erſcheinung nachzuſpüren. Uebrigens hat Wölfflins Methode das Bedenkliche, daß ſie verwandte Er⸗ ſcheinungen auseinander reißt. Iſt einem Schriftſteller unter einer Reihe von Aſſonanzen und Flexionsreimen auch einmal ein korrekter geglückt, ſo darf letzterer doch nicht allein berückſichtigt werden, ſondern es wollen dieſe Dinge im Zuſammenhang betrachtet ſein, wenn eine richtige Beurteilung möglich ſein ſoll.*) Wollte Wölfflin ſein Maß z. B. an Otfrieds Gedichte anlegen: wie viele Verſe würden die Probe beſtehen? Reime wie(IV 20) liuti-heroti, gizitin-uuurtin, gigange-felge, alle-uuole etc. etc. ganz zu geſchweigen von ſolchen, wie wir ſie oben erwähnt haben müßten verworfen werden, und wir würden uns in die Not⸗ wendigkeit verſetzt ſehen, der großen Mehrzahl aller Verſe Otfrieds den Reim abſprechen zu müſſen.**)

*) Bezeichnend iſt in dieſer Beziehung, was W. S. 355 über Plautus ſagt:Bekanntlich hat Plautus in ſeinen Comödien, und zwar unabhängig von ſeinen griechiſchen Vorbildern, in dem Grade aller Arten des Wortſpiels und alle Klangfiguren ausgenutzt, daß man ſich nicht wundern darf darunter eine ziemliche Anzahl ſtrenger Reime zu finden. Wenn er dann aber betont, daß der Reimdarum noch lange nicht ein mit dem Quantitätsprinzipe kon⸗ kurrierendes Element ſei, ſondern nur einvorübergehendes Spiel, ſo hat das doch kein Menſch je anders behauptet. Das Hauptverdienſt der Wölhlin ſahen Arbeit liegt übrigens in ſeinen Nachweiſen über den Gebrauch des Reims bei den Afrikanern.

**) Auch für das Franzöſiſche erkennt Tobler, Vom franzöſiſchen Versbau, S. 93 ausdrücklich an, daß in älterer Zeit Aſſonanz den Endreim erſetzen konnte. Seltſamer Weiſe wollte Birch⸗Hirſchfeld, Sage vom Graal S. 112, hierin eine pikardiſche Beſonderheit erblicken.