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Das zweite der angeführten Beiſpiele verdient inſofern beſondere Beachtung, als es einer der nicht häufigen Fälle eines auch für unſere Auffaſſung untadeligen Reimes iſt, während ſonſt die Zahl der ſog. Flexrionsreime durchaus überwiegt.
Von Lucrez wendet ſich Grimm zu Catull. Bei ihm findet ſich der leoniniſche Reim(beſ. im Pentameter) noch häufiger, ſo daß er etwa über fünften Teil aller Verſe verbreitet iſt. Freilich werden von dieſer Zahl gar manche Fälle abzurechnen ſein, in denen die nüchterne Kritik den„Binnenreim“ nicht anerkennen wird; ſo 74,12 et, deis invitis, desinis esse miser. 78,2 hibernã fiant candidiora nive. Daß es bedenklich iſt, eine Bindung durch den Reim bei Vokalen von verſchiedener Quantität anzunehmen, darauf haben Wölfflin und Buchhold mit Recht aufmerkſam gemacht.— Dagegen ſprechen für eine bewußte Abſicht des Dichters Diſtichen, die den leoniniſchen Reim in beiden Zeilen aufweiſen, wie
64,19 id mea me mult is docuit regina querel is invisente nov o proelia torva vir o. Vergl. 63,17. 64,1. 13. 55; 65,7. 21. 134; 73,1.
Bei Vergil findet Grimm ein ähnliches Verhältnis, ſowol für den Mittel⸗ wie für den Endreim. Als Beiſpiel für erſteren diene der oft citierte Vers Bucol. 8,79 limus ut hic durescit, et haec ut cera liquescit. Beachtenswert iſt, daß Grimm ſogar Beiſpiele für den überſchlagenden Reim(a: b: a: b) anführt, wie
Aen. II, 459 tela manu miseri jactabant irrita Teueri. turrim in pracipiti stantem summisque sub astra eductam tectis unde omnis Troia videri et Danaum solitae navis et Achaia castra.
Allein man wird ſich ſchwer überzeugen, daß in einer derartigen vereinzelten Erſcheinung bewußte Abſicht geſucht werden darf, um ſo mehr, als zwiſchen V. 459 und dem folgenden offenbar eine Pauſe zu denken iſt. Auch wird von hunderten, welche die Stelle leſen, vielleicht kaum einer den Gleichklang überhaupt bemerken, wenn er nicht gerade nach ſolchen Dingen ſucht.
Auch für Horaz hat Grimm den Reim in viel zu weitem Umfang angenommen. Von ihm kann man gewiß nicht ſagen, daß er irgend eine Art von Gleichklang mit Vorliebe kultiviert hätte. Der leoniniſche Reim freilich fehlt bei ihm ſo wenig wie bei irgend einem der vorher genannten Dichter; allein den Endreim anzu⸗ nehmen iſt mehr als gewagt. Als gereimt wird man doch auch nicht Verſe anerkennen dürfen, wie
Sat. I, 3,9 nil aequale homini fuit illi; saepe velut qui currebat fugiens hostem, persaepe velut qui.
6,45 nunc ad me redeo libertino patre natum,
quem rodunt omnes libertino patre natum.
Die vollgültigen Reime horum-bonorum(Sat. I, 1. 78) und sunto-agunto(Ars. poet. 99) können in ihrer Vereinzelung kaum als beabſichtigt gelten.
Aehnlich wie von den vorigen findet Grimm den Reim behandelt von Tibull, Properz und Ovid, ſowie von Martial und Juvenal. Und in der That findet ſich bei den drei erſtgenannten der leoniniſche Reim in ſehr ausgedehntem Maße, namentlich bei Ovid, dem unübertroffenen Meiſter der Form. Beiſpiele fnd:
Heroid. VI, 163 Hoc ego conjugi o fraudata Thoantias or o: Vivite devot o nuptaque virque tor o. VII, 119 Urbem constitu i lateque patentia fix i Moenia finitim is invidiosa loc i s. XVIII 81 Alcyones sol ae memores Ceycis amat i Nescio quid vis ae sunt mihi dulce quer i.*)
Stellen vollends wie Heroid. XI, 115 ff., XIX, 35 ff., Amor. II, 14,25 ff., wo der Reim jedesmal
durch vier Verſe hindurchzieht, müſſen jeden Gedanken an eine Zufälligkeit dieſer Erſcheinung verwehren.
*) Die Anordnung der Reimſilben, wie ſie ſich in dieſen Verſen findet, bildet bereits den Anfang zu dem überſchlagenden Reim, der als eine kunſtvollere Weiterbildung der älteren und einfacheren Reimpaare zu betrachten iſt.


