Aufsatz 
Gleichklang und Reim in antiker Poesie / von Otto Dingeldein
Entstehung
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Ueber die jetzt gebräuchlichen Benennungen ſ. G. Gerber, die Sprache als Kunſt. Bromberg 1873 II. 1. S. 162 ff. Für das Altdeutſche unterſcheidet Grimm nicht weniger als zwölf Reimarten: Den rührenden Reim, den Schlagreim, Binnenreim, den übergehenden Reim, Mittelreim*)(wozu der leoniniſche gehört), Pauſen, Körner, den grammatiſchen, ungenauen Reim, den Doppel⸗ und den erweiterten Reim. Holzapfel**), der für Homer die geſamten Gleichklangserſcheinungen behandelt, ſucht dem Mangel an einer einheitlichen Terminologie einigermaßen abzuhelfen. Er unterſcheidet zunächſt Wurzelreim(Annomination) wozu er auch das Wortſpiel rechnet und Anklangz letzteren teilt er in Stabreim, Lautreim und Silbenreim; jede von dieſen drei Gattungen erhält wieder einige Unterarten. Hier nur ſoviel: Der heutige Sprachgebrauch ſcheint eine Beſchränkung der BenennungReim auf engere Grenzen zu erheiſchen. Für unſere moderne Anſchauung gehört nämlich zum Weſen des Reims, daß er an eine beſtimmte Versſtelle und zwar an das Ende eines Verſes, Halbverſes oder Kolons gebunden iſt.***) Der von Grimm(S. 578) in weiteſtem Umfang angenommeneBinnenreim iſt demgemäß auf die Fälle zu beſchränken, wo die rhythmiſche Gliederung des Verſes eine Reſponſion ermöglicht, wie in der von ihm angeführten Stelle aus Wolfram, Lied 7,41

ez ist nu tac, daz ich wol mag nit warheit jehen.

Mit vollendeter Meiſterſchaft iſt dieſe Reimweiſe von Walther v. d. Vogelweide gehandhabt in ſeinem Leich(Got, diner trinitate) v. 37 ff., 50 ff., 116 ff. Wo dagegen dieſe Vorbedingung fehlt, wird die BenennungReim beſſer vermieden. So in den Diſtichen der Herrad v. Landsberg(Grimm S. 672) v. 153 perpetitur culices pulices et mille dolore; ſo ferner in zahlreichen von Grimm(S. 628 f.) aus Lucrez angeführten Stellen, wie 6,902 quam tetigit flammam taedan que pari ratione.

Kehren wir zu Grimms Abhandlung zurück. Nach Beſprechung des Mittel⸗ und Binnenreims bei Lucrez zählt er noch eine Anzahl von Fällen auf, in denen er(paarenden) Endreim erblicken will. Er citiert dabei Schuch**), der ſchon für Homer die gleiche Erſcheinung nachgewieſen habe. Von den Griechen wird unten die Rede ſein; hier ſei nur das bemerkt: Der Hexameter iſt ſeiner ganzen Anlage nach zum Träger des Endreims wenig geeignet. Wo dieſer ſich dennoch zu finden ſcheint, iſt ſeine Entſtehung im Allgemeinen lediglich dem Zufall zuzuſchreiben. An eine Abſichtlichkeit kann nur gedacht werden, wenn die Erſcheinung mit einer gewiſſen Regelmäßigkeit auftritt, und, was nicht minder wichtig iſt, wenn der betreffende Dichter auch ſonſt eine merkliche Vorliebe für den Gleichklang bekundet. Da dies nun aber bei Lucrez ohne Zweifel der Fall iſt, ſo haben wir keinen Grund, die Annahme Grimms ohne weiteres von der Hand zu weiſen. Aus der Zahl der von ihm aufgeführten Fälle ſeien einige erwähnt(mit zweiſilbigem Reim):

2,626 aere atque argento sternunt iter omne viarum largifica stipe ditantes, ninguntque ros ar um.

5,370 nec porro natura loci spatiumque profundi deficit exspargi quo possint moenia mundi.

5,963 consiliabat enim vel mutua quamque cup i do vel violenta viri vis**rrr*) atque impensa libido.

*) Während imBinnenreim beide Reimſilben im Innern des Verſes ſtehen, hat imMittelreim die zweite ihren Platz am Versſchluß. Tobler, Vom franzöſiſchen Versbau alter und neuer Zeit(1880), faßt(S. 112) beide Arten unter dem NamenBinnenreim zuſammen.

**) R. Holzapfel, der Gleichklang bei Homer. Magdeb. 1851 54(Zeitſchr. f. d. Gymnaſialweſen V. Jahrg. 1. Bd.). *r) Nicht zur Gattung Reim gehört nach dieſer Definition der ſog. Stabreim, für den deshalb die ohnedies gebräuchlichere Benennung Allitteration bleiben möge. ee) Schuch, de poesis latinae rhythmis et rimis, praecipue monachorum. Donaueſch. 1851. ) Man beachte die Allitterat'on.