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und ſemitiſchen Sprachen abläugnen, ſo ſtehen ſie doch ſo iſolirt und zweifelhaft da, und werden durch die grammatiſche Bildung und Structur der beiderſeitigen Sprachen einander ſo entfremdet, daß von eigentlicher Verwandtſchaft kaum die Rede ſein kann. Gerade darin liegt die Quelle jener zahlreichen Irrthümer, welche die Etymologie in üblen Ruf gebracht haben, daß man in früheren Jahrhunderten aus der hebräiſchen Sprache, als der vermeintlichen Urſprache der Welt, alle übrigen abzuleiten ſuchte, eine Thorheit, die bei den Celtiſten Englands noch in voller Blüthe ſteht. Allerdings aber hat die hebräiſche Sprache einen tiefgreifenden Einfluß theils durch ſich ſelbſt, theils durch die vermittelnden Glieder des Hellenismus und Latinismus erlangt, und es iſt die welt⸗ geſchichtliche Thatſache des aus dem Judenthum hervorgegangenen Chriſtenthums, welche dieſen Einfluß durch tauſend und aber tauſend Canäle in alle Gebiete von Glauben und Sitte, Leben und Cultur, Literatur und Kunſt, Sprache und Schrift geleitet hat. Durch ſie haben auch die bibliſchen Eigennamen jene weite Verbreitung über alle Theile der Welt erhalten, welche ſie zu Trägern von Glauben und Geſittung ſchon für die unterſten Schichten der Volksbildung erhebt. Eine natürliche Folge davon war, daß dieſe Namen wiederholt und auf lebende Perſonen und neu begründete Ortſchaften und Stiftungen übertragen wurden, und die Kirche hat dieſer frommen Sitte immer gern ihre Sanction ertheilt. Was neuerdings einmal in einem deutſchen Staate verſucht worden iſt, den Juden den Gebrauch chriſtlicher Vornamen zu unterſagen, hat ſich unter dieſen Verhältniſſen freilich nicht durchführen laſſen. Bielmehr hat ſich die Unmöglichkeit herausgeſtellt, jüdiſche und chriſtliche Namen durchgreifend zu unterſcheiden, da charak⸗ teriſtiſche Merkmale der Unterſcheidung weder in der Sprache noch in der Geſchichte ſich auffinden laſſen, ſondern nur im Einzelnen Geſchmack und Mode, und auch dieſe nach Zeiten und Völkern verſchieden, entſcheidend vorwalten. Für unſern Zweck aber gewinnt die hebräiſche Sprache eine doppelte Wichtigkett, indem ſie nicht bloß eine Anzahl noch jetzt unter uns gangbarer Namen erzeugt hat, ſondern auch dieſe in einer ſprachlichen Durchſichtigkeit erblicken läſſt, welche an Klarheit Alles übertreffend, was die griechiſche, lateiniſche und deutſche Sprache Aehnliches zu bieten vermag, zugleich auch die Priorität des geſchichtlichen Alters für ſich in Anſpruch nimmt.
Bibliſche Eigennamen.
So ſtehen an der Spitze unſerer Namen noch immer und mit vollem Rechte die des erſten Menſchenpaares Adam(terreus, terrenus, autochthon, wie homo zu humus als terrestris) und Eva(vita, 206), nach ihrer Wortbedeutung den Erden⸗ kloß bezeichnend, den das Leben durchdrungen hat, und was dieſer die Materie belebende Hauch zur Welt fördert, iſt Abel(halitus, vanitas), die Perſonification des Ver⸗ gänglichen, das nach kurzer Dauer hienieden abſtirbt, oft der rohen Gewalt erliegend. Noch immer können jene Namen die in ihnen liegende Wahrheit verkündigen: des Erden⸗ lebens Zeugung iſt Vergänglichkeit. Dagegen hat wahrſcheinlich niemals Jemand wieder Kain geheißen, denn was auch die Bedeutung des dunkeln Wortes ſei, Niemand mochte mit dieſem Namen den Fluch auf ſich laden, mit welchem der an der Spitze des Menſchengeſchlechtes ſtehende Brudermord ihn gezeichnet hat. Die Erzväter bis zur Sündfluth hatten offenbar zu wenig perſönliche Conſiſtenz, als daß ihre Namen hätten beliebt werden können. Weit über ihnen ragt Noah(requies?) hervor, in deſſen Namen man eine den Hebräern ſelbſt unverſtändlich gewordene Verdrehung eines indiſchen Origi⸗ nals ſuchen wollte, das entweder einen Mann der Arche(ſr. nàu, celt. noë, navis Nachen, ſr. naubandha Schiffbindung, Berggipfel im Himalaya), oder nach Ewald einen Erneuerer(zu ſr. nawa novus) des Menſchengeſchlechts bezeichnen würde. Dieſe Unbeſtimmtheit hat jedoch nicht verhindert, daß der Name noch fortdauert in fr. Jean
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