Aufsatz 
Ueber die Natur der Eigennamen / Karl Dilthey
Entstehung
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zum Fürſten Roberto Guiscardo, und worin ſein Witz beſtand, beſagt deutlich Anna Komnena in der Ueberſetzung dieſes Namens durch Pounsgroo αοναιρꝓναοο. Neben ihm ſtehen in gleicher Weiſe maskirt Rüdiger(HHrodger gloriosus gaeso) als Roger, Rudolf(Hrodulf gloriosus lupus) als Rolf, Rollo, Raoul, Dankrat(grata suadens) als Tancredo u. ſ. w. Daß bei ſolchem Durcheinander von Sprachen, Völkern und Ländern tauſenderlei Mißverſtändniſſe mit unterlaufen, läſſt ſich zum voraus erwarten. Der Menſch will doch verſtehen, was er ſpricht; darum bildet er ſich ein Verſtändniß nach ſeiner Weiſe, indem er aus abrotonum macht Eber⸗ raute, aus aristolochia Oſterluzei, aus arcubalista das ſinnloſe Armbruſt, aus renoviren reine führen. Freilich verfährt die Sprache hierin nicht klüger, als jener Bauer, der in der Apotheke umgewandten Napoleon begehrte und unguentum Nea- politanum meinte; aber dennoch liegt in jener gewaltſamen Germaniſirung eine große Kraft des nationalen Sprachgeiſtes, der auch das Fremdartigſte ſiegreich bewältigt, ehren⸗ voll abſtechend gegen jene bedientenhafte Aengſtlichkeit des jetzigen Deutſchen, der an der fremden Schreibung und Ausſprache eines Fremdwortes das Geringſte zu verfehlen als ſchweren Verſtoß erachtet. Am häufigſten ſind ſolche Volksetymologien in Ortsnamen, wie Buſeck aus Buccos⸗Eiche, Merkenfritz aus im Exrkinfridiz und andere, die ſchon oben angeführt wurden. Auffallender freilich iſt, wenn ſolche Entſtellungen von Gelehrten ausgehen, durch falſche Hypotheſen veranlaſſt, wie ſie aus dem Malchenberg einen Melibocus und aus dieſem ſogar einen geſchichtlich unerhörten comitatus Chatti- melibocensis gebildet haben.

Erklärung der Eigennamen.

Daß es unter dieſen Umſtänden ein bedenkliches Wagniß ſein werde, einen irgendwo in der Gegenwart beſtehenden Complex von Eigennamen aufzugreifen, um ſie einer ſprachlichen Prüfung und Erklärung zu unterziehen, läſſt ſich erwarten. Um ſo mehr wird der gegenwärtige Verſuch der Nachſicht bedürfen, indem er es unternimmt, dieſe Aufgabe in einer für Darmſtadt und das Großherzogthum Heſſen berechneten Weiſe zu löſen. Der Name Darmſtadt und der erſte Name im alphabetiſchen Verzeichniß ſeiner Bewohner, Abarbanell, wären ja allein ſchon hinreichend, den Sprachforſcher zur Verzweiflung zu treiben.

Vergleichen wir die Eigennamen, die uns die allerneuſten Urkunden, das Adreßbuch von Darmiſtadt, das Staatshandbuch des Großherzogthums Heſſen und das Verzeichniß der Ortſchaften deſſelben darbieten, mit denen, die vor tauſend Jahren hier zu Lande üblich waren, und die uns in großer Menge in den Lorſcher Urkunden aus der Zeit der Karolinger entgegentreten, ſo zeigt ſich ein auffallender Unterſchied darin, daß die alten Namen, wenige lateiniſche und celtiſche Ortsnamen ausgenommen, rein deutſche Namen ſind, während die heutigen Perſonennamen zum großen Theil fremden Sprachen angehören. Vielleicht iſt nirgends in Deutſchland die Zahl der Fremdnamen ſo groß, wie in den Gegenden des Mittelrheins. Wir erkennen darin die Wirkung geſchichtlicher Verhältniſſe, welche von der Völkerwanderung bis zu den Freiheitskriegen herab dieſe Gegenden zum Hauptſchauplatz eines bald kriegeriſchen bald friedlichen Völkerverkehrs gemacht und auch auf Sitte und Leben der Menſchen ſo durchgreifend eingewirkt haben, daß die charakteriſtiſchen Eigenthümlichkeiten derſelben hier ungleich mehr, als anderwärts abgeſchloſſen worden ſind. Geſteigert wurde dieſe Wirkung durch die geographiſche Lage in der Mitte zwiſchen Nord⸗ und Süddeutſchland, Italien und England, Frankreich und den Slavenländern. Von allen Seiten concentrirten ſich hier die verſchiedenartigſten Anregungen und bewirkten eine Ausgleichung der Extreme, wie ſich ſchon in der Sprache zeigt, die noch jetzt gleich der alten fränkiſchen zwiſchen dem ſchwäbiſchen und plattdeutſchen Dialekte das verbindende Mittelglied bildet. Wer Originalbilder des deutſchen Volks

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