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vater der Waiblinger oder Ghibellinen emporgeſchwungen, um wieder bis zum ſchweizeriſchen Weibel oder Gerichtsdiener herabzuſinken und ſeine militäriſche Laufbahn in Deutſchland als Feldwebel zu beſchließen.
Das Bisherige wird ausreichend ſein, um die Ueberzeugung zu begründen, daß Namenbildung, Namengebung und Namenſchreibung auf Sprache, Geſchichte und Literatur einen bedeutenden Einfluß geübt haben, daß ſie mit der Geſammtheit der Civiliſation auf das innigſte verſchmolzen ſind. Das beweiſt denn auch die geſammte Stufenleiter menſchlicher Prädicate, von der unterſten Thorheit, die ſich durch Einſchneidung von Namen verewigt, durch die rechte Mitte der Polizeiordnung hindurch, die eines jeden Namen zu wiſſen begehrt, bis zur Weisheit des Autors und Geſetzgebers, der ſeinen Schriften und Erlaſſen den Namen beifügt; und während Volkswitz und Poeſie in Erfin⸗ dung von Scherz⸗ und Spitznamen mit einander wetteifern, hat die Kirche nicht unterlaſſen, die ernſte Namengebung durch Verbindung mit dem Sacrament zu heiligen und ſie mit der Weihe der Religion zu umhüllen. Ein Menſch ohne Namen wäre noch unheimlicher, als Peter Schlemihl ohne Schatten, als Kaspar Hauſer ohne Herkunft, und der Anonymus, der ſich momentan ihm gleich ſtellt, pflegt auch momentan das vielleicht ſonſt ihm ge⸗ bührende Vertrauen zu verſcherzen, als Briefſchreiber, Recenſent und Delator meiſt ein ungünſtiges Vorurtheil gegen ſich zu erregen. Wäre es möglich, die Anonymität ganz zu verbannen, ſo würde dadurch die Preſſfreiheit ihre vollendete Läuterung erlangen. Größere Duldung nimmt die Pſeudonymität in Anſpruch, ohne deren Mummenſchanz das Reich der Poeſie nicht beſtehen könnte, ſie macht es erträglich, daß auch der gemeine Mann Kaiſer, König, Prinz, Herzog, Fürſt und Graf, Pabſt oder Biſchof heißen darf, daß ein Pückler als Räuberhauptmann, ein Metternich als Demagog auftritt, daß die Namen von Prinzen und Prinzeſſinnen auf Wirthshäuſer, Dampfſchiffe und Locomotiven übertragen werden.
Wollen wir das Geſagte an einem Beiſpiele anſchaulich machen, ſo möge dazu der Name des Mannes dienen, welcher das Centrum des römiſchen Volkes bildet, Cajus Julius Caesar. So beſtimmt auch die große Perſönlichkeit hervortritt, welche mit dieſen 3 Namen ganz präcis bezeichnet wird, ſo hat doch keiner derſelben eine un⸗ mittelbare Beziehung auf dieſe Perſönlichkeit, keiner enthält ein ſie charakteriſirendes Merkmal, ſie hatten alle 3 längſt vor dem Manne beſtanden und ſind nur in neuer Zuſammenſtellung zur Anwendung gekommen, um ihn zu kennzeichnen. Aber auch die urſprüngliche Bedeutung eines jeden dieſer Namen iſt bereits ſo ſehr verdunkelt, daß nur etwa der erſte derſelben, der Vorname Cajus genauer beſttmmt werden kann: Cajus (Tãiog von„αα) iſt der erdgeborne Menſch in abstracto, aber als Individuum gedacht, daher Cajus und Caja bei den Römern Bräutigam und Braut(Ubi tu Cajus, ibi ego Caja), Cajus und Sempronius ſind noch im jetzigen Sprachgebrauche die Herren N. N., vulgo Hinz und Kunz, Müller und Schulze, Krethi und Plethi. Julius wird abgeleitet von oulos lanugo(Servius), von οος(Grimm), von Ilus (Schwenk), von juvo(Klauſen), von ſr. yudh: pugnare(Benary). Caesar wird bald zu einem durch Kaiſerſchnitt(Cado) Geborenen, bald zu einem Vernichter der Feinde(qui cædit, Zeuß nach dem Celtiſchen), bald zu einem crinitus(ſr. kéga: cæ- saries) gemacht, nicht zu gedenken des etrusciſchen Gottes aesar, der für Auguſtus ſo bedeutſam wurde, als kurz vor ſeinem Tode ein Blitzſtrahl das C aus ſeinem Namen Qaesar auf einer Ehrenſäule tilgte. Aber dieſes Schweben und Schwanken, was oft ſelbſt die gründlichſte Forſchung nicht mehr zu überwinden vermag, hat ſolche Namen keineswegs verhindert, noch in dem Lichte der Gegenwart ihre Rolle zu ſpielen, nicht bloß ſofern ſie noch immer geleſen und genannt werden, ſondern auch ſofern ſie eine zahlreiche Nachkommenſchaft in den heutigen Culturſprachen hinterlaſſen haben. Julius lebt fort nicht blos in zahlreichen Namenverbindungen,(namentlich auch in Gallien, wie


