Aufsatz 
Ueber die Natur der Eigennamen / Karl Dilthey
Entstehung
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dieſer durch den allgemeinen Naturlaut als Gott des Donners erkannt wird. Wenn gerade die griechiſche Götterwelt einen unſerer größten Helleniſten, Friedrich Thierſch, zu der Aeußerung gebracht hat, daß die Erklärung ihrer Namen als über aller Forſchung hinausliegend am beſten unverſucht bleibe, ſo kann dies, ſelbſt wenn es als thatſächliche Wahrheit anzunehmen wäre, doch weiter nichts beweiſen, als daß gerade hier die Namen⸗ bildung unter eigenthümlichen und unſerer Erkenntniß bis jetzt entrückten, ja ſelbſt zur Zeit der homeriſchen Poeſie ſchon verdunkelten Verhältniſſen der Sprachmiſchung und Sprachbildung ſtattgefunden hat, wie denn allerdings die geſammte pelasgiſche Sprache ſchon den Hellenen unverſtändlich geworden, nur noch in wenigen Trümmern vorliegt, deren Deutung meiſt nicht über dunkle Ahnung hinausgeht.

Schickſale und Einfluß der Eigennamen.

Gerade als die älteſten Wortbildungen waren die Eigennamen auch am meiſten allen Veränderungen unterworfen, welche die älteſte Sprache überhaupt erlitt, bis ſie zu einem fein geſtimmten Werkzeug des menſchlichen Geiſtes wurde, und indem ſie Indivi duen bezeichnete, theilte ſie mit ihnen den ewigen Wandel und Wechſel des Beſtandes. Erfolglos wetteiferte die Sprachbildung in Erfindung neuer Eigennamen mit der uner⸗ meſſlichen Manichfaltigkeit der Dinge in Natur und Leben. Auf eine verhältnißmäßig kleine Zahl von mundgerechten Eigennamen beſchränkt, ſah ſie ſich genöthigt, dieſelben wiederholt in Anwendung zu bringen und auf verſchiedene mit dem urſprünglichen In dividuum in irgend einer äußeren oder inneren Verbindung ſtehende Individuen zu erſtrecken. So wurde der Eigenname z. B. vom Großvater auf den Entkel übertragen, oder als Gentil⸗ oder Familienname vererbt, wobei dann nur ein beigefügter Vorname wiederum die reine Perſönlichkeit bezeichnen konnte. Aber bei ſolcher Tradition und Vererbung der Namen ging auch ihre urſprüngliche Beziehung leicht verloren. Daß die Namen Capito, Labeo, Naso wirklich körperliche Eigenheiten und Merkmale ihrer erſten Inhaber bezeichneten, iſt eben ſo gewiß, als daß dieſe Bezeichnung meiſtens bei denen entſchwand, auf welche der Name vererbte. Während aber der urſprüngliche Sinn in ihnen noch mit voller Deutlichkeit erkannt wird, iſt derſelbe bei andern Namen, wie Corvinus, Scipio, Torquatus ſchon im Entſchwinden begriffen, und ſchon regt ſich der Geiſt der Erfindung und der Dichtung, der die entſtehende Lücke wieder ausfüllen möchte und zu dieſem Zweck anmuthige Geſchichten erſinnt, welche die urſprüngliche Beziehung auf einen Raben, einen Stab, eine Kette herzuſtellen ſuchen. Aber auch dieſe geräth in das Schwanken, und damit wird die Bedeutung des Namens oft ſo völlig verdunkelt, daß ſie entweder gar nicht, oder nur nach unſicheren Eombinationen ſich beſtimmen läßt.

Manches, was uns als Abſicht erſcheint, mag freilich Werk des Zufalls ſein; aber ſelbſt dieſer wird bedeutſam, wenn in ihm das nomen et omen habet zur Verklärung kommt. In ſittlichen Ernſt kleidet ſich dieſer Zufall, wenn er z. B. den Sokrates zum Sohne des Sophroniskos und der Hebamme Phänarete macht, ihn, deſſen Beruf darin beſtand, die Tugenden der G ν und àgeri, zur Erſcheinung zu bringen, deſſen gei⸗ ſtige Hebammenkunſt das Rechte aus dem inneren Menſchen zu entwickeln und ans Ta⸗ geslicht zu ziehen ſtrebte. Weltgeſchichtliche Bedeutung erhält jener Zufall in dem Namen Rom,(wenigſtens nach der einfachſten Deutung und in dem Hymnus der Melinno auf die Göttin Romia), der Kraft und Stärke bezeichnend, ſchon bei ihrer Geburt den Be⸗ ruf zur Weltherrſchaft anzudeuten ſchien, deren Zauber bis auf den heutigen Tag nicht gelöſt iſt.

Wohl gilt auch von Namen, wie von Menſchen und Büchern, daß ſie ihre Schickſale haben. Wie weit ſind Valenzia und Valence bei gleicher Bedeutung hinter Rom zurück⸗ geblieben? Johannes iſt zu Don Juan und Hans, Chriſtoph zu Stoffel und Töffel geworden; der Hermundurenkönig Vibillius hat ſich zum ſprachlichen Stamm⸗