Aufsatz 
Ueber die Natur der Eigennamen / Karl Dilthey
Entstehung
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älteſten Eigennamen mit bewundernswürdiger Vivacität an den Bergen und Flüſſen haftend ſich erhalten. Zwar kleinere Berge und Flüſſe ſind zu unbedentend und zu wenig charakteriſtiſch, als daß nicht die allgemeine Bezeichnung mit Berg, Hügel, Fluß, Bach u. ſ. w. ausreichend ſein ſollte; größere Berge ſind meiſtens in ſchwer zu über⸗ ſchauende Bergzüge geſtellt, die erſt ſpäter als Ganzes erkannt und benannt werden, aber größere Flüſſe haben die älteſten und beſtimmteſten Namen, die bei allem Bölkerwechſel ausdauern, eine Bemerkung, deren Wahrheit vom Ganges und Indus bis zum Tiber, Rhein und Main ſich beſtätigt, woraus aber zugleich auch ſich erklärt, warum gerade die Flußnamen die ſchwierigſten für Spracherklärung zu ſein pflegen.

Wie groß aber auch die Mannichfaltigkeit in Entſtehung und Urbildung der Namen ſein, wie ſehr eben deshalb jedes alleinige Princip ihrer Interpretation Mißtrauen ein⸗ flößen möge, ſo müſſen wir doch, wenn wir von Erklärung der Namen überhaupt reden wollen, eine Vorausſetzung dabei zum Grunde legen, die kaum der Rechtfertigung bedarf, nämlich, daß nicht der blinde Zufall, ſondern Ueberlegung und Abſicht bei Ertheilung der Namen obgewaltet habe; eine ſolche aber würde undenkbar ſein, wenn nicht die Eigennamen urſprünglich eine ſprachliche Bedeutung gehabt hätten, welche den bezeichneten Gegenſtänden vorzugsweiſe zu gebühren ſchien. Zwar läſſt ſich auch eine bloße Caprice denken, nichts bedeutende Namen zu erfinden(wie ja ſelbſt in unſeren Zeiten der erfindende Sprachgeiſt neue Wörter und Redensarten, Rococo, Crawall, Weltſchmerz, Lebensfragen, Rechnungtragen, Tragweite, zuwartende Stellung, Gothaer, Wingolf u. ſ. w. erzeugt); aber gewiß iſt dieſe dem höchſten Alterthum fremd geweſen, das an Namen noch keinen Ueberfluß hatte und ihrer nicht zum Scherz, ſondern zur Verſtändigung dringend be⸗ durfte; ja ſelbſt der Scherz würde ſeine Natur verläugnet haben, wenn er durchaus nichtsſagend geweſen wäre, wenn er nicht durch Erinnerung und Anſpielung, ſei es auch nur in Anklang und Tonfall, irgend eine bedeutſame Beziehung erhalten hätte. Darum kann es als gewiß angenommen werden, daß alle Eigennamen urſprünglich bedentſame Epitheta geweſen ſind, und wenn gleichwohl ihre Bedeutung in ſo vielen Fällen nicht mehr erkennbar iſt, wenn die vergebliche Bemühung, ſie zu ermitteln, nur Märchen aus 1001 etymologiſchen Nächten, oder höchſtens ingeniöſe Charaden zu Tage gefördert, oft alle Namenerklärung in üblen Credit gebracht hat, ſo wird hierdurch jene Annahme nicht erſchüttert, ſondern nur das äußerſte und eben deshalb auch in das tiefſte Dunkel ge⸗ hüllte Alterthum der Eigennamen documentirt. Gerade um dieſes hohen Alters willen muſſte es ihnen auch am häufigſten begegnen, daß ſie zumal beim Wechſel der Völker, Sprachen und Dialekte allmählich unverſtändlich wurden und einmal dem unergründlichen Dunkel der Urwelt verfallen, jeder beliebigen Corruption und Umdeutung preisgegeben waren. Wer würde in Paläſtina das Land der Philiſter, in Hieroſolyma die Stadt des Friedens, in Hiericho die Stadt der würzigen Düfte, wer würde, um näher liegende Beiſpiele zu gebrauchen, in Ladenburg das celtiſche Lupodunum, in Darmſtadt und Umſtadt eine alte Darmundſtadt und Otmundſtadt, in Aſtheim ein Aſchmundheim, in Gehſpitz ein Geisbodesheim, in Garbenteich Gariwart's Eiche, in Lämmerſpiel Liemar's Bühel, in Hebſtahl Heppo's Thal, oder in Algeier Ahlager(templi gæsum, sacri defensor) u. ſ. w. wieder erkennen, wenn nicht zufällig noch die richtige Urform ſich erhalten hätte? Wo die Mittel der Erklärung ſich verloren haben, ſind freilich oft genug die alten Eigennamen als unentzifferte Hieroglyphen der Urwelt ſtehen geblieben, zu deren Deutung die Phantaſie der Conjecturen den Schlüſſel vergebens zu finden ſtrebt; ſo in vielen Fällen bei den uralten Namen der Götter und mythiſchen Heroen in Aegypten und Griechenland, wie in Scandinavien. Oſiris und Iſis, Apollon und Poſeidon, Here und Athene, Achilleus und Odyſſeus ſind ſo wenig ſicher erklärt, wie Wodan und die Aſen, und wenn Zeus und Thor keinem Zweifel unterliegen, ſo ver⸗ dankt man dies nur dem Umſtande, daß jener durch das Sanskrit als Gott des Aethers,