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nivellirende Litera und Numero verſchlungen, und ſchon iſt dieſe ſtatt der Namen auch in Findelhäuſern und Lazareten eingeführt. Aber wehe dem Menſchengeſchlechte, wenn es dahin kommen ſollte, daß in den Phalanſterien der neuen ſocialen Verfaſſung die Menſchen überhaupt ſtatt der Namen nur noch Litera und Numero als unterſcheidende gefängnißmäßig einpferchende Kennzeichen an ſich tragen, wenn Recht und Werth der Perſönlichkeit durch die Erziehung und Geltung der Maſſen vollſtändig erdrückt ſein werden.
In demſelben Maße, in welchem die Eigennamen der Dinge zunehmen, treten dieſe aus der Maſſe des Gleichartigen heraus und werden als Individuen unſerem Herzen näher gerückt. Ein Volk, das keinen eignen Namen hat, iſt kein Volk, und ſchon um deswillen iſt ſchwer zu glauben, was auf Jakob Grimm's vermeintliche Autorität oft behauptet wird, daß das deutſche Volk mit dem erdgebornen Gotte Tuiſto und den Teutonen nichts zu ſchaffen habe, ſondern erſt nach einem von Welteroberung und Welt⸗ beherrſchung erfüllten Jahrtauſend eine gemeinſame Benennung des Volkes aus der lingua diutisca oder theodisca mühſelig herausgeklittert worden ſei. Aber wenn es jemals eine Sprache der Götter gegeben hat, wie Homer von einer ſolchen berichtet und ſie von der Sprache der Menſchen unterſcheidet, ſo möchte man glauben, daß es eine Sprache geweſen ſei, deren Hauptwörter lauter Eigennamen waren, die jedes Ding in der Welt an und für ſich bezeichnen konnten, ohne zu den entſeelten Schemen ihre Zuflucht zu nehmen, welche die kalte Abſtraction erfunden hat, und mittelſt deren ſie die Maſſen⸗ haftigkeit der Dinge wohl oder übel in Gattungsworten zuſammenzudrängen und an langweilige Nomenclaturen zu feſſeln verſucht. Eine Götterſprache, deren Nennwörter aus lauter Eigennamen beſtehen, würde unendlich höher ſtehen, als eine gemeine Menſchen⸗ ſprache, die deren Stelle nur kümmerlich durch das grammatiſche Geſchlecht und die dichteriſche Perſonification zu erſetzen vermag. Iſt das Wort an ſich ſchon ein Wunder, wie es unter allen Geſchöpfen nur der Menſch aus geiſtigen und ſinnlichen Elementen zu ſchaffen und zum hörbaren und ſichtbaren Ausdruck des Geiſtes zu geſtalten vermag, ſo iſt doch unter allen Worten der Name ganz vorzüglich der unſterblichen Seele ver⸗ wandt. Ja, unſer Namee iſt unſer Ich, und ein guter Name iſt unſere Rechtſchaffenheit, unſere Ehre, unſer Ruhm, er lebt noch lange, nachdem der Körper zerfallen iſt, er vermag fortzuleben, wo alles Andere abſtirbt, und glücklich darum, wer einen guten Namen hinterläßt, deſſen Nachruhm der Dichter mit den Worten bezeichnet: Semper honos nomenque tuum laudesque manebunt!
Eigennamen, die älteſten Denkmäler der Sprache und Geſchichte.
Sprach⸗ und Geſchichtswiſſenſchaft haben mit einander gemein, daß ſie die Be⸗ ſchaffenheit ihrer Objecte aus dem Proceß des Werdens erklären und dieſen nach ſeinem Urſprunge hin ſo weit verfolgen, als Mittel und Wege vorzudringen vorhanden ſind. Ueberall wird in ihnen das Gegenwärtige aus ſeiner Entſtehung erklärt, und je weiter ſich dieſe verfolgen, je ſicherer ſie ſich ermitteln läßt, um ſo beſtimmter wird die Erkennt⸗ niß der Dinge. Schon in dieſer Hinſicht ſind die Eigennamen von großer Wichtigkeit als die älteſten Denkmäler der Sprache und Geſchichte, weit hinausliegend über allen erſt durch fortgeſetzte Beobachtung und claſſificirende Abſtraction entſtandenen Appellativen. Individuen ſind eher als Geſchlechter, Gattungen und Claſſen unterſchieden worden, und ſchon in der erſten Familie muſſte das Bedürfniß von Eigennamen ſich kund geben, um Brüder zu bezeichnen. Darum bieten Eigennamen die älteſten Data für das Studium der Sprachen und Geſchichten, ſie zeigen die Spuren von der Abſtammung und Zer⸗ ſtreuung der Völker, ſie ſind die Reliquien ihres Untergangs, und wo Menſchen und menſchliche Schöpfungen dem Wechſel der Zeiten längſt unterlagen, da haben oft die


