Aufsatz 
Ueber die Natur der Eigennamen / Karl Dilthey
Entstehung
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Kraft der Eigennamen im praktiſchen Gebrauch der Gegenwart.

Aber nicht minder bewährt ſich die Kraft der Eigennamen fortwährend auch in dem praktiſchen Sprachgebrauche der Gegenwart. Schon das Geſetz des Vortrags ver⸗ langt, daß Namen immer mit einem gewiſſen Nachdruck vor den übrigen Worten her⸗ vorgehoben werden, und mündliche oder ſchriftliche Verſtümmelung bekannter und berühmter Namen gilt für ein faſt untrügliches Zeichen von Unwiſſenheit oder Stumpfheit des Geiſtes. Ich nenne Semiramis, Cäſar, Napoleon, und in dieſen Namen concen triren ſich tauſend Beziehungen von Welterſchütterung und Weltgeſtaltung; ich nenne Homer, Cicero, Göthe, und es entfaltet ſich in jedem dieſer Namen eine Welt von Ideen; ich nenne Jeruſalem, Athen und Rom, Paris und London und empfinde die Unermeſſlichkeit aller Begriffe, Anſchauungen und Erinnerungen, die ſich an dieſe Namen knüpfen: ich ſetze Deutſchland, Heſſen⸗Darmſtadt an ihre Stelle, und es tönen in ihnen milde Anklänge der Vaterlands⸗- und Heimathsliebe. Die Sprache bietet kein Mittel dar, um dieſe Namen durch ein Aequivalent zu erſetzen, jede Umſchreibung würde ver⸗ wäſſert und undeutlich erſcheinen und in den Hörenden das Gefühl erwecken, daß die Hauptſache, das Weſentliche des Ausdrucks, fehle. Neſtor, Cicero, Mäcenas, Titus ſind kräftige, beſeelte Geſtalten; ein weiſer Greis, ein großer Redner, ein Gönner der Wiſſenſchaften, ein gütiger Regent ſind dagegen abgeblaſſte Schattenbilder, jene ſind lebende Muſter und Beiſpiele, dieſe matte Wortpredigten für den Bedarf moraliſcher Nutzanwendung. Worauf beruht die Traulichkeit im Gebrauche des Vornamens? Iſt der Familiennamen durch die Menge derer, die ihn führen, ſeiner Natur als Eigen namen entkleidet und einigermaßen appellativ geworden, kann er hiernach in vertrauteren Kreiſen als bekannt und keines beſonderen Ausdrucks bedürftig, vorausgeſetzt werden, ſo bleibt nur der Vorname als der einzig wahre und das Individuum ausſchließlich be⸗ zeichnende Eigenname übrig. Was kann auf ein liebendes Herz einen tieferen Eindruck machen, als ein ſolcher Name? man laſſe ihn ertönen unerwartet in einem enſcheidenden Moment, und das ſtill verſchloſſene Ringen der Sehnſucht oder Beſorgniß wird unwill kürlich dem Verſteck des Herzens entſchlüpfen und in aufgeregten Mienen und Geberden, vielleicht ſelbſt in convulſiviſchen Zuckungen ſich kund geben. Wie iſt es möglich, daß wenige Wortlaute zur Einheit eines Namens verbunden, ſo gewaltige Wirkungen her⸗ vorbringen? wo liegt der Zauber, der in dieſe einfachen Laute gebannt iſt? Gewiß doch nur darin, daß ſie unmittelbar das Individuum uns darſtellen, den Gegenſtand unſerer Liebe und unſeres Haſſes und mit ihm das vollkräftige Leben im Gegenſatz gegen hohle Abſtraction. Selbſt das Thier wird uns erſt dann recht befreundet, wenn es ſeinen eigenen Namen trägt, und der Dichter hat ein tiefes Naturgefühl darin bewährt, daß er den Löwen Nobel, den Fuchs Reineke, den Wolf Iſegrim, den Bär Braun, den Widder Bellin, den Kater Murner, den Hahn Henning, den Häher(Hagi- har) oder Hever Markwart, den Haushund Phylax, den Froſchkönig Phyſignathos nannte, der Roſſe des Achilleus, der epiſchen Geſtalten Bucephalus und Babieça, der von Ovid genannten Jagdhunde des Aktäon u. ſ. w. nicht zu gedenken. Und mit dem Dichter wetteifert der Volkswitz, welcher den Eſel als Balduin, den Papagei als Peter, die Alraune als Mandragoras, ja ſelbſt den Diebesſchlüſſel als Dietrich(magnas divitias parans) ſeine Rolle ſpielen läßt.

Und wie tief poetiſch anregend mochte einſt eine Wanderung durch die Straßen unſerer Städte wirken, als noch jedes Haus, als Individuum durch charakteriſtiſche Eigenthümlichkeit und myſtiſche Bedeutſamkeit ſeiner architektoniſchen Formen ausgezeichnet, ſeinen eignen durch ein lebhaftes Farbenbild am Eingang verſinnlichten Namen trug und durch dieſen eine eigne ſagenreiche Perſoönlichkeit und Geſchichte erhielt? Nur ein dürftiger Ueberreſt davon iſt in den Wirthshausſchilden geblieben, alles Andere hat die modern

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