Aufsatz 
Ueber die Natur der Eigennamen / Karl Dilthey
Entstehung
Einzelbild herunterladen

2

Erſt die neueſte Sprachforſchung hat dies anerkannt, nachdem ſie ſeit der Entdeckung des Sanſkrit und der Gruppirung der ſogenannten indogermaniſchen Sprachen in dem gegenwärtigen Jahrhundert Fortſchritte gemacht hat, welche die aller früheren Jahr⸗ hunderte weit überragen. Sie iſt an Umfang und Tiefe dermaßen gewachſen, daß ihr die Löſung wiſſenſchaftlicher Probleme gelingt, die in früherer Zeit über aller Erkenntniß hinaus zu liegen ſchienen, ja von deren Daſein man zum Theil nicht einmal eine Ahnung haben konnte. Wer nur die phrygiſchen nnd lydiſchen Gloſſen, die meſſapiſchen Denk⸗ mäler, die oſciſche Lautlehre und manches Aehnliche ſtudirt, findet Entdeckungen gemacht, die in ihrer Art nicht minder denkwürdig ſind, wie die in der Hauptſache gelungene Leſung der ägyptiſchen Hieroglypyen mit den Namen ihrer uralten Pharaonen. Haben andere Partien, wie die Keilſchriften des Orients, die Königsnamen von Niniveh, die Ueberreſte der etruſeiſch⸗rhätiſchen, die Weſenheit der alten celtiſchen Sprache bis jetzt weniger geſicherte Ergebniſſe geliefert, ſo iſt doch die Hoffnung erweckt, daß es demnächſt noch gelingen werde, ihre nebelhaft verſchwimmenden Geſtalten in organiſch gegliederte Sprachkörper zu verwandeln und dieſe mit dem Lichte rationeller Forſchung zu beleuchten. Selbſt geringe Ueberreſte und bloße Sprachtrümmer, wenn ſie anders nur auf geſicherter Traditon beruhen, ſind oft ſchon dazu ausreichend, und wie Cuvier vermochte, das Sprüchwort ex ungue leonem im eigentlichen Sinne zu erfüllen, aus dem verſteinerten Abdruck einer Fußſtapfe die ganze Geſtalt, Größe, Lebensart und Naturgeſchichte des vorweltlichen Thieres zu conſtruiren, ſo hat auch die ſprachliche Divination durch den Gebrauch des philologiſchen Mikroſkops und Teleſkops gleichmäßig angeregt, zu Ergeb⸗ niſſen geleitet, die ſich als ſichere Grundlage geſchichtlicher Wahrheit bewähren. Ueberall aber ſind es dabei die Eigennamen, die eine Hauptrolle ſpielen, und ſchon ihre Bedeut⸗ ſamkeit muß vielfältigen Anlaß bieten, um uns mit ihrer Behandlung zu befreunden.

Charakter der Eigennamen bei verſchiedenen Völkern.

Wäre uns von den Hebräern nichts weiter bekannt, als die ſprachliche Bedeutung ihrer Eigennamen, ſie würde hinreichend ſein, um uns erkennen zu laſſen, daß in dieſem Volke ein ganz eigenthümliches Verhältniß zu einem einigen und allmächtigen Gotte ausgeprägt vorliegt, deſſen Heiligkeit und Innigkeit alle ſeine Lebensregungen durchdringt, alle Richtungen ſeiner weltgeſchichtlichen Thätigkeit umfaßt. Die griechiſchen Namen dagegen, von den glänzenden Scharen der olympiſchen Götterwelt durchdrungen und belebt, preiſen Geiſt und Kraft und Werth des zu den Göttern erhobenen, mit Ruhm und Ehre und Auszeichnung geſchmückten Menſchen, ſie ſind dabei die geiſtreichſten und in heiterer Fülle der Wortbildungen vor allen andern blühend, üppig, beweglich und fein nuancirt. Ganz im Gegentheil verſinnlichen uns die römiſchen Namen eine auf die nackte Lebensproſa und den praktiſchen Nutzen gerichteten Sinn des Volkes, dem eine körperliche Eigenheit, eine hauswirthſchaftliche Einrichtung, der Anbau von Kichern und Linſen, die Zucht von Schweinen und Fiſchen wichtig genug erſcheint, um als charak teriſtiſches Kennzeichen fixirt zu werden. Dem Deutſchen iſt neben Kampf und Sieg, als dem eigentlichen Lebensberufe des Mannes, eine unendliche Fülle der Gemüthlichkeit eigen, die ihn tauſendfache Beziehungen zu der geheimnißvollen Welt des Glaubens und der Ahnung, zu den in Himmel und Erde, Luft und Waſſer, Feld und Wald verbor⸗ genen Naturgeiſtern auffinden und in ſeinen Namen ausprägen läßt. Kurz überall be⸗ ſtätigt ſich, daß die Völker mit einander gewetteifert haben, ihre Gedanken und Hoffnungen, ihre tiefſten Gefühle und höchſten Ideen, ihre Ahnungen und Glückwünſche, ihre geſammte Lebensanſchauung in ihren Namen zum Ausdruck zu bringen, dieſe zum Spiegelbilde ihres innerſten Weſens zu geſtalten.