Ueber die Natur der Eigennamen.
Einleitung. Geltung und Werth der Eigennamen in Wiſſenſchaft und Leben.
Unter allen Gegenſtänden wiſſenſchaftlicher Erforſchung haben die Eigennamen wohl am wenigſten einer beſonderen Vorliebe der Behandlung ſich erfreut. Man iſt lange gewohnt geweſen, ſie als äußerlich gegebene, dem Organismus der Sprache fremd⸗ artige Lautgruppen zu behandeln, die als rein willkürliche Erfindungen ihrem Zwecke genügen, wenn ſie genau Alles bezeichnen, was in Natur und Menſchenwelt als Individuum uns entgegentritt und dabei wichtig genug erſcheint, um von allen Weſen ſeines gleichen mit Beſtimmtheit unterſchieden zu werden. Die Grammatik glaubte ihrer Verpflichtung vollſtändig Genüge geleiſtet zu haben, wenn ſie bei der Wortbildung und Flexion der Subſtantiva gelegentlich auch der ſogenannten nomina propria und patronymica gedachte. Die Lexikographie pflegte ſie aus ihrem Gebiete ganz auszuſchließen, oder doch nur da beizuziehen, wo irgend ein Umſtand das Individuum zum Repräſentanten von Art, Gattung und Geſchlecht gemacht und den daſſelbe bezeichnenden Namen oder ſeine Ableitungen in den allgemeinen Wort⸗ und Sprachgebrauch übertragen hatte. Die Ge⸗ ſchichte konnte zwar niemals der Eigennamen entbehren, hat ſich aber nur ſelten bemüht, tiefere Combinationen der Forſchung auf ſie zu begründen, oder ihren Ruhm nur darin geſucht, über einen aus Namen und Jahrzahlen gebildeten Wortwuſt in geiſtreichen Re⸗ flexionen ſich möglichſt zu erheben. Die Geographie gebraucht ſie nur als nothwendige Haltpunkte, an welche die auf der Oberfläche der Erde gemachten Wahrnehmungen an⸗ geheftet werden. Das praktiſche Leben endlich macht es mit ihnen wie mit den Worten der Sprache überhaupt; es bedient ſich ihrer als curſirender Münze, bei welcher weder nach dem Gepräge, noch dem geſchichtlichen Werthe, ja ſelbſt nicht nach dem wahren Metallwerthe gefragt wird, ſondern nur die Geltung für Kauf und Verkauf in Betracht kommt. Nur in ſeltenen Fällen hat man daran gedacht, die Eigennamen um ihrer ſelbſt willen zu ergründen, ihre Beziehung zu den bezeichneten Individuen feſtzuſtellen. Aber auch dies iſt früher meiſt nur beiläufig ſporadiſch in einer Weiſe geſchehen, die mehr dazu dienen konnte, dieſe Art der Forſchung für eine Erſcheinung gaukelnder Traumbilder zu halten, als ein Syſtem der Erkenntniß zu bilden, welches aus Sprache und Geſchichte zugleich ſeine Principien entlehnen und mit dem gleichem Rechte zu den ſprachlichen wie den hiſtoriſchen Hülfswiſſenſchaften gezählt werden ſoll. Und doch müſſen die Eigennamen gerade dann ein höheres Intereſſe gewinnen, wenn ſie nicht mehr iſolirt daſtehen, ſondern als weſentliche Beſtandtheile menſchlicher Ideen und Meinungen, Sitten und Gebräuche, Hoffnungen und Irrthümer erſcheinen, wenn ſie zu denkwürdigen und lehrreichen Com⸗ binationen Veranlaſſung geben. 3
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