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der, wenn er das Leben von der ernſten Seite auffaßt, ſich ſtets bemüht, uüberall die Geſetze der Pflicht zu erfüllen; er belebt ihn nicht hinreichend mit dem Vertrauen, das er auf Gott ſetzen
muß; er ſtützt ihn nicht mit genug Glauben an den dereinſtigen Sieg. Die Individuen ſterben,
aber die moraliſchen Ideen, die ſie repräſentiren, ſind ewig; unterliegt ein Held, ſo iſt ſchon ein anderer bereit, ihn zu erſetzen und ſein Werk fortzuführen, und aus dieſer gemeinſchaftlichen An⸗
ſtrengung erwächſt ein kräftiger Baum, der gen Himmel aufſteigt; das iſt das Gute, die Civili⸗
ſation. Allerdings ſpricht Rouſſeau von den Belohnungen, die den Guten erwarten, allein nur mit einer ſcheinbaren Kraft im Ausdruck, bbodittch die Lauigkeit des Gedankens durchaus nicht verdeckt wird.
Ueber den bewegten und aufgeregten Scenen, deren Schauplatz die Erde iſt, entfaltet ſich mit Ruhe und Majeſtät das Himmelsgewölb, das den Glanz Gottes verkündet. Das Herz des Weiſen erhebt ſich oft dorthin und geſtärkt und voll Anmuth ſteigt es hernieder, und ſchildert voll Entzücken die Herrlichkeit, die ihm zu ſchauen vergönnt war. In dieſem Heiligthum hatte der Pſalmiſt den von Macht und Glanz umhüllten Jehova bewundert. Rouſſeau ahmt auch hierin den hebräiſchen Text nach⁰), und wennn er ihn auch manchmal mit Glück wiedergibt, ſo Lat es doch nicht, dieſes Schauſpiel durch das Prisma der orientaliſchen Poeſie zu betrachten, ſo lebhaft und glänzend auch dieſe Farben ſind; denn es fehlt den Schilderungen des franzöſiſchen Dichters beſonders ein tieferer Blick in das Weltall, dieſen Tempel der göttlichen Allmacht ¹⁰).
Boſſuet und Racine haben mit dem Studium der Propheten ihre eigenen Gefühle verbunden und auf dieſe Weiſe ihre Werke verfaßt. Boſſuet hat mit einer erhabenen Beredſamkeit Jehova mit mächtigem Arme, von den Blitzen und dem Donner des Sinai umgeben, dargeſtellt; Racine, der uns durch ſein dramatiſches Talent mitten in das Leben der jüdiſchen Nation verſetzt, läßtuns Geſänge hören, wie ſie ehemals in den Tempeln Sions wiederhallten 11): Rouſſeau dagegen beſitzt Vich die Kunſt, ſich die Bilder der hebräiſchen Poeſie zu ſeinem
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³) Der Pſalmiſt ſagt Pſ. 18: Coeli enarrant gloriam Dei et opera manuum ejus annuntiat firma- mentum. Wie weit iſt Rouſſeau in ſeiner Nachahmung(B. I. Ode II.) von der erhabenen Einfachheit des Textes entfernt, wenn er obigen Gedanken auf folgende Verſe wiedergibt: Les cieux instruissent la terre A révérer leur auteur; Tout ce que leur globe enserre Célèbre un Dieu créateur. ¹⁰) So ſagt er Buch I. Ode II. vom Erſcheinen der Sonne:
L' Univers, à Sa présence, Embrase le tour du monde
Semble sortir du néant. Dans le cercle qu'il décrit;
Il prend sa course, il s'avance Et par sa chaleur puissante, Comme un superbe géant. La nature languissante
Bientot sa marche féconde Le ranime et se nourrit. ¹1¹) Racine Athalie. 64 O rives du Jöurdain! Oichamps aimés des cieux, Sacrés monts, fertiles vallées, Par cent miracles signalées, Du doux pays de nos aieux Serons-nous toujours exilés!“ n


