Aufsatz 
Jean Baptiste Rousseau : eine literarische Skizze / von Dillmann
Entstehung
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Text des hebräiſchen Dichters bloß zum Vorbilde gebrauchte, ohne dabei einen Blick auf die Men⸗ ſchen und Dinge zu werfen, wie ſie ihn umgeben, fehlt es dagegen an dieſer localen Färbung, die nur allein Kraft und Originalität verleiht und deßwegen bleibt ſeine Dichtung kalt und reißt nicht mit ſich fort 7).

Wenn er außerdem von Heuchlern und Verläumdern ſpricht, ſo ſcheint er nur zu oft von ſeiner perſönlichen Gereiztheit erfüllt zu ſein; es iſt nicht der Mann, der über die moraliſchen Leiden ſeiner Mitmenſchen ſeufzt, ſondern es iſt Rouſſeau, der Gekränkte, der ſich über, die Intriguen ſeiner Feinde beklagt ³8). Jedoch findet man hier und da Strophen, die in Bezug auf Einfach⸗ heit und Nüchternheit des Stiles an die reinen und ernſten Formen eines Racine erinnern. Das raſch vergehende Glück des Gottloſen, deſſen Haſchen nach Vergnügungen werden trefflich ge⸗ ſchildert.

Die Kämpfe und Prüfungen, die der Weiſe hienieden zu beſtehen hat, ſind im Allgemeinen mit weniger lebhaften Farben geſchildert; Rouſſean hebt nicht das Schöne im Menſchen hervor,

7) So heißt es in Buch I. Ode 8: Ces hommes, qui n'ont point encore Eprouvé la main du Seigneur, Se flattent que Dieu les ignore, Et s'enivrent de leur bonheur. Leur postérité florissante, Ainsi qu'une tige naissante, Croit et s'élève sous leurs yeux: Leurs filles couronnent leurs tétes De tout ce qu'en nos jours de fêtes Nous portons de plus précieux. Man vergleiche hiermit die ſchöne Stelle aus dem Chor in Racine's Eſther: Tous ses jours paraissent charmants; L'or éclate en ses vétements; Son orgueil est sans borne, ainsi que sa richesse: Jamais l'air n'est troublé de ses gémissements; Il s'endort; il s'éveille au bruit des instruments; Son coeur nage dans la molesse, Pour comble de prospérité, Il espère revivre en sa postérité; Et d'enfants à sa table une riante troupe Semble boire avec lui la joie à pleine coupe. Beide Dichter haben aus derſelben Quelle geſchöpft,(Ps. CXLIII), aber mit welchem Unterſchiede! 8) J'ignorais la trame invisible De leurs pernicieux forfaits; Je vivais tranquille et paisible Chez les ennemis de la paix: Et lorsque exempt d'inquiétude Je faisais mon unique étude De ce qui pouvait les flatter, Leur détestable ingratitude S'armait pour me persécuter.