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Rouſſeau's fehlgeſchlagene Verſuche, für die Bühne zu dichten, führten ihn zu dem Ent⸗ ſchluſſe, ſich in der ſeit langer Zeit vernachläſſigten Ode zu verſuchen, um auf dieſem Wege zum gewünſchten Ruhme zu gelangen. Wie er aber bereits deutlich bewieſen hatte, daß ihm alles dramatiſche Talent abging, ſo zeigte er hier, daß ihm auch die lyriſche Begeiſterung mangelte; denn ſeine Dichtungen blieben nur kunſtvolle Nachahmungen von David, Pindar und Horaz. Man muß freilich geſtehen, daß die ganze damalige Zeitrichtung vollendeter Odendichtung nicht günſtig war; allein, wenn auch die äußeren Gegenſtände vielleicht fehlten, welche zur Begeiſterung hätten entflanmen können, ſo lagen doch religiöſe Stoffe nahe genug, um einen wirklichen Dichter zu er⸗ heben, wie das Rouſſeau's eigenes Vorbild, der königliche Sänger David, gezeigt hatte. Aber es fehlte ihm an der Inſpiration, ohne welche es auch bei einer durchaus künſtleriſch ſchönen Form, die Rouſſeau nicht abzuſprechen iſt, eine wirklich lyriſche Poeſie nicht giebt. Wäre zur Zeit der Kreuzzüge die franzöſiſche Sprache vollkommen ausgebildet geweſen, ſo würde damals ſchon die Ode in vollem Glanze hervorgetreten ſein, da religiöſe und kriegeriſche Begeiſterung zugleich herrſchte: allein der anmnthigen Sprache der Troubadours fehlte jene Würde und impoſante Har⸗ monie des für die lyriſche Poeſie ſo nothigen Rhythmus. Im achtzehnten Jahrhundert war man allerdings Meiſter der eleganten Form; aber es ging ihr die nöthige Wärme ab, und ſo kam es dann, daß man zu Imitationen griff, weit man aus dem eignen Genius nicht genugſam zu ſchöpfen verſtand, um ſich über ſeine Zeit und Zeitgenoſſen zu erheben und ihnen in echt künſtleriſcher Vol⸗ lendung vorauszueilen 6). Rouſſeau ſteht deßhalb auch in der Ode nur als Nachahmer da. Am glücklichſten iſt ernin der Imitation des hebräiſchen Dichters, da der Geiſt, der die Propheten mit heiligem Feuer entflammte, auch manchmal ſeine kalte Seele erwärmte. So findet ſich na⸗ mentlich bei den hebräiſchen Dichtern ein Gegenſtand wiederholt behandelt, der auch in den Werken Rouſſeau's häufig wiederkehrt; es iſt dies das Bild der Leiden und Prüfungen des Gerechten im Gegenſatz zu dem Bilde des ſcheinbaren und vergänglichen Gluckes des Gottloſen, jenes ewige Schauſpiel des menſchlichen Lebens, das ſich in ſeinen verſchiedenen Scenen zu allen Jahrhunderten bei allen Nationen zeigt. Aber wie ſehr unterſcheiden ſich doch in der Behandlung eines und des⸗ ſelben Gedankens der Pſalmiſt und ſeine Nachahmer. An der Kraft des Gedankens, an den herr⸗ lichen Farben des Stiles merkt man, daß dem Pſalmiſten bei ſeinen Darſtellungen ſtets die Leiden und Schickſale ſeines Volkes vor Augen ſtehen; daß dieſe ſeine Seele mit gerechtem Unwillen und Zorn erfüllen, und aus dieſem tiefgefühlten Schmerze entſteht dann jene ungeſtüme Poeſie, die wie die Wogen eines dahin brauſenden Fluſſes wiederhallten. Dem franzöſiſchen Dichter, der den
⁵) Wie man damals die Poeſie auffaßte, davon legt uns Lamotte, einer der bedeutendſten Literaten jener Zeit und Mitglied der Académie française, ſelbſt Zeugniß ab. Er hatte nur deßhalb Verſe geſchrieben, wie C. Arnd in ſeiner franzöſiſchen Nationalliteratur von ihm ſagt, weil dies die Sitte der damaligen Zeit und ein Mittel war, ſich bei den Großen beliebt, und im Publicum bekannt zu machen. Da er bei ſeiner rein verſtändigen, künſtlichen, ſo zu ſagen mechaniſchen Art der poetiſchen Compoſition, die Abweſenheit alles eignen Schwungs und Feuers ſelbſt bemerkt, zugleich aher die Mühe der Verſification gefühlt hatte, ſo kam er auf den Gedanken, die poetiſche Form überhaupt zu perdammen, ſie für ein unnützes Spiel zu erklären, und die An⸗ wendung der Proſa, ſelbſt bei allen ihrer Natur nach poetiſchen Gegenſtänden, zu empfehlen. Dieſem Princip gemäß griff er die Alten, namentlich Homer an, und ließ ſich über den Vorzug der antiken und modernen Lite⸗ ratur in einen Streit ein, in welcher eine Frau, Madame Dacier, die Vertheidigung der Alten und beſonders Homers übernahm. erni 12 6 1


