Aufsatz 
Französische Schulgrammatik und moderner Sprachgebrauch / Rudolf Diehl
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10

in der Sprache des Volks lebend blieben. Die Zeitwörter wie reussir, denen im Deutschen ein unpersönliches Verb entspricht, waren nämlich früher wirklich unpersönlich.[Plattner § 91. Anm.] Nun finden wir bei Maupassant neben den persönlichen Formen auch die unper- sönlichen von réussir und ennugyer, ferner ein unpersönliches adrenir statt des persönlichen derenir: Cela réussissait à tout le monde(F. M. 70). C'est égal, il m'ennngait déjà de la maison(M. T. 57). Qu'adviendrait-il de lui?(C. 58; 111).

Der Konjunktiv.

Die Lehre vom französischen Konjunktiv hat in den einzelnen Grammatiken verschieden- artige Auffassung und Anordnung erfahren. Vor allem ist hier festzuhalten, dass das Faktum an sich in keiner Weise durch die Darstellung im Indikativ oder Konjunktiv geändert wird. Vielmehr ergiebt sich der entsprechende Modus einzig und allein nach dem Standpunkt und der Auffassung des Redenden. Es treten daher leicht Fälle ein, dass nach diesem oder jenem Verb unter äusserlich gleichen Bedingungen Indikativ und Konjunktiv mit einander wechseln. Demnach ist die Darstellung der Lehre vom Konjunktiv, wie sie Zz. B. Plötz(Schulgrammatik) giebt, wonach gewisse Zeitwörter u. s. f. an sich den Konjunktiv erfordern, als rein äusser- lich zu verwerfen. Neuere Grammatiken haben hierin einen Fortschritt gebracht. Am über- sichtlichsten stellt sich diese Lehre in Kühns Schulgrammatik dar, deren Einteilung wir in unseren Bemerkungen folgen wollen.

Kühn unterscheidet Konjunktiv in Hauptsätzen und Konjunktiv in Nebensätzen. Letzterer enthält vier Unterabteilungen. I. Konjunktiv des Zugeständnisses. II. Konjunktiv des Affekts. III. Konjunktiv der Willensäusserung. IV. Konjunktiv der blossen Annahme oder

Ungewissheit. Zu den unter II. 2 angeführten Verben kann souffrir zugefügt werden: II souffrait continuellement de ce que son mariage demeurdt stérile(V. 191). Die Verba des Fürchtens

stellt Lücking[Frz. Schulgrammatik§ 164] unter die des Wünschens, offenbar durch das im Nebensatz folgende ne verleitet, welches bekanntlich nur eintritt, wenn das regierende Verb nicht negativen Sinn hat d. i. nicht verneint, fragend oder bedingt ist. Nun lässt sich craindre wohl im positiven Satze als ein Wünschen des Gegenteils auffassen, keineswegs aber im negativen oder fragenden. Eine logische Erklärung des Vorgangs muss, wie Plattner be- merkt, misslingen, weil die französische Konstruktion nur eine äusserliche Nachahmung der lateinischen ist.[Vgl. auch Venzke, Zur Lehre vom französischen Konjunktiv. Progr. des Gym- nasiums zu Stargard 1890]. Wie sehr die Franzosen selbst in neuerer Zeit das Überflüssige der Negation empfinden, beweist der häufige Fortfall derselben.*) Maupassant bietet dafür zahlreiche Beispiele: Elle craignait affreusement qu'it se mariat par horreur de la solitude (F. M. 145). Je craignais qu'on Peit enlevée ou assassinée peüt-èétre(M. G. 49). Elle avait peur, une peur confuse et forte, qu'un événement quelconque ſit tomber ce projet(F. M. 264). Il eut peur, une peur brusque et horrible que cette honte fut dévoilée(P. J. 155). Elle refusait avec énergie de se laisser examiner par aucun nouveau médecin, de peur qu'on lui découvrit d'autres maladies(V. 29). Il avait arrété ses études, de peur qu'il derint un monsieur indifférent à la terre(M. G. 68). Elle ne voulait point rester chez elle, de cruinte qu'on pensdt qu'elle souffrait(M. O. 291).

*) Man vergleiche übrigens den von Plattner[§ 369 II. 2 Anm.] citierten Ausspruch von George Sand: Les grands écrivains ne donneront-ils pas aux bonnes gens le droit de s'en débarrasser? Hélas! non, tant qu'il y aura des académies gardiennes de la lettre morte, et qu'ils voudront tous en étre.