Aufsatz 
Französische Schulgrammatik und moderner Sprachgebrauch / Rudolf Diehl
Entstehung
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suchungen, dass mit alten Vorurteilen aufgeräumt und mehr Einheit in diese verwickelte Frage gebracht wurde. Vor allem musste die Regel fallen: das kürzere Adjektiv steht gern vor dem längeren Substantiv, das längere Adjektiv gern nach dem kürzeren Substantiv. Lücking, Plattner, Kühn und Robert erwähnen diese Regel überhaupt nicht, Dühr hat sie in einer vortrefflichen AbhandlungZur Theorie der Stellung des französischen Adjektivs (Programm des Gymnasiums zu Stendal, 1890) durch ein erdrückendes Material widerlegt. Es liegt weder in meiner Absicht noch in meinem Vermögen hier neue Gesichtspunkte zu bringen; ich beschränke mich darauf, die Ausführungen Dührs, denen ich mich fast durchweg anschliesse, durch eigene Beobachtungen zu illustrieren und wenn mõöglich zu ergänzen. Eine kurze Darlegung der leirenden Punkte der genannten Arbeit wird, da sie nicht allgemein bekannt sein dürfte, willkommen sein. Nach Dühr ist die ursprüngliche Stellung des Adjektivs wie in der lateinischen Prosa diejenige hinter dem Substantiv. Diese Stellung hat das französische Adjektiv bewahrt, sofern es in seiner ganzen, vollen, ursprünglichen Begriffs- stärke auftritt. Dies ist der Fall, solange konkrete Eigenschaften angegeben werden, physi- kalische Merkmale, Farben, alles, was einen Menschen, ein Volk, ein Land u. s. f. charakterisiert. Hierher gehören auch die aktiven und passiven Participien, konkrete Vorgänge oder vollendete Thatsachen schildernd. Die geringste Wandlung der Bedeutung oder die Abschwächung oder schon die Tonlosigkeit zieht einen Wandel der Stellung nach sich, oder macht ihn möglich. Vorangestellt sind im Französischen stets die Pronomina und Zahlwörter sowie der Artikel als inhaltslos und unwesentlich dem gegenüber, was das nachgestellte Adjektiv ausspricht. Nun gelangt Dühr vom Zahlbegriff zu dem des Grades, des Masses, der Grösse, des Guten, des Schlechten, also zum Ausdruck von Lob und Tadel. Dies sind keine konkreten Qualitäten, sie sind weniger als die Adjektive der übrigen Kategorien, und daher gebührt ihnen die weniger wichtige Stellung vor dem Substantiv.*) Finden sich aber der- artige Adjektive entgegen dem sonstigen Gebrauch hinter dem Substantiv, so hat nachträglich eine besondere Betonung stattgefunden. Das Adjektiv steht dann nicht mehr im gewöhnlichen verblassten Sinn, sondern es hebt nachdrücklich die ursprüngliche Bedeutung hervor. So finden sich bei Maupassant: une morye tres bonne(M. T.); son pauvre esprit Thomme calme t bon(M. P. 19); une chose bonne et changeante(E. 55); le souvenir d'une chose bonne A linie(V. 107); ce rien des habitudes secrotes et chères(V. E. 63); ce papfs cher(V. 110); son tintement fréle de cloche paucre(M. T.); Mon noi brare railla mon moi poftron(M. T. 78); un homme petit et gros M. T. 136).

Umgekehrt sind eine Anzahl von Adjektiven, die ursprünglich eine konkrete Eigenschaft ausdrückten, in gewissen Fällen in eine niedere Sphäre geraten, indem die eigentliche Be- deutung verblasste und ihnen nur noch die des Hohen, Wertvollen, Vorzüglichen oder des Gegenteils zukam**): de sreltes clochetons(H. 15);[srefte gewöhnlich physikalische Eigenschaft, hier nur noch lobend]; Employés des noires tudes(E.)[woir ursprünglich Farbe, hier tadelnd; vgl. un noir chagrin u. s. f.]; c'était la France, avec son climat tempéré, ses

*) In ähnlicher Weise geht Robert vom Pronomen und Zahlwort aus und zeigt, dass gleich diesen auch den gewöhnlich vorgestellten Adjektiven z. B. bon, mauvais, grand, jeune etc. keine konkrete, sondern nur relative oder persönliche Bedeutung zukommt. Von diesen Begriffen des Relativen und Persönlichen aus lassen sich die weiteren Erscheinungen teilweise erklären, doch müssen auch weitere Momente z. B. emphatische Ausdrucksweise hinzutreten. Für die schulmässige Behandlung ist die Ableitung und Gliederung des vorgestellten Adjektivs, wie sie Dühr giebt, jedenfalls vorzuziehen.

**) Während nach Robert die relativ-subjektive Natur eintrat.