Aufsatz 
Ueber einige Rostpilze und die durch sie verursachten Pflanzenkrankheiten / von Karl Diehl
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

Früher ſah man dieſe Sporen als eine beſondere Pilzgattung an, welche den Namen Uredo er⸗ hielt. Jetzt nennt man ſie Uredoſporen, nach Tulasne Styloſporen, oder, da ſie zur ſchnellen Vermehrung des Pilzes in der warmen Jahreszeit dienen, auch wohl Sommerſporen(Fig. 1). Werden ſie an einen trockenen Ort gebracht, ſo verlieren ſie ſchon nach 1 2 Monaten ihre Keimfähigkeit. Gelangen ſie dagegen auf Blätter oder Halme eines der oben genannten Gräſer, ſo erfolgt alsbald die Keimung unter Bildung eines Keimſchlauches, zu welchem die Innenhaut der Spore unter Durchbrechung des Epiſporiums auswächſt.

Das Eindringen eines ſolchen Schlauches kann nun auf zweierlei Art vor ſich gehen. Entweder bohrt ſich derſelbe nach ſeinem Austritt aus der Spore durch die Membran der Epidermiszellen hindurch und in's Innere der Zellen, um dann auch die untere Wand der Epidermiszellen zu durchbrechen und ſo den Raum zwiſchen den Zellen des unter der Oberhaut liegenden Gewebes zu erreichen. Oder der Schlauch wächſt meiſt unter vielen Krümmungen eine Zeit lang auf der Epidermis des Wirthes umher, bis ſeine Spitze eine Spaltöffnung trifft, durch welche er eindringt. Die letztere Art des Eindringens bemerken wir bei den Keimſchläuchen, welche ſich aus den Uredoſporen entwickeln.

Wie ſchnell die Keimung derſelben erfolgt, geht aus den von Kühn angeſtellten Verſuchen hervor ¹). Die von ihm an einem warmen ſonnigen Junitage Mittags 12 Uhr auf eine feuchte Glasplatte gebrachten Uredoſporen waren in 3 Stunden ſchon ſo weit entwickelt, daß die Länge ihrer Keimſchläuche den Durch⸗ meſſer der Sporen mehrmals übertraf(Fig. 5).

Die weitere Beobachtung der in die Nährpflanze eingedrungenen Keimſchläuche zeigt, daß ſie im Parenchym zu einem Mycelium heranwachen, welches neue Uredolager erzeugt. Wie de Bary ²) an Tri- ticum vulgare nachwies, erſcheinen die Uredolager bereits 8 Tage nach der Ausſaat. Es wird alſo die Species in ſtets gleicher Form fortgepflanzt. Indem die neu gebildeten Uredoſporen gleichfalls keimen, und ihre Keimſchläuche in die Spaltöffnungen der Nährpflanze eindringen, um dort zu einem Mycelium heranzuwachſen, iſt es leicht erklärlich, wie die Uredoſporen die maſſenhafte Verbreitung und Vermehrung der Uredineen bewirken.

Dasſelbe Mycelium endlich, auf welchem die Uredoſporen erzeugt werden, bildet neben dieſen noch eine zweite Art von Sporen, von de Bary als Teleutoſporen bezeichnet(auch Winterſporen genannt), und zwar ſchon frühe, ehe die Bildung der Uredoſporen beendigt iſt. Man findet daher nicht ſelten reife Sporen beider Arten neben einander(Fig. 1 u. 2). Schließlich hört die Bildung der Uredoſporen auf, während diejenige der Teleutoſporen noch fortdauert. Zuletzt bedecken dieſe an einander gedrängt die ganze Ober⸗ fläche des Lagers, welches durch ihre dunkelbraunen Membranen eine für das bloße Auge ſchwarze Farbe erhält. Die Blattſcheiden und Halme der oben genannten Gräſer ſind oft dicht von ſolchen ſchwarzen, wulſtig hervorragenden Teleutoſporenlagern überzogen.

Die Winterſporen ſtehen ebenfalls auf ſtielartigen Baſidien, ſind keulenförmig und beſtehen aus 2 über einanderliegenden Zellen(Fig. 2)(die Uredoſporen ſind einzellig) mit einer dicken, dunkelbraunen, außen glatten Membran. Früher ſah man dieſe Fructificationsform als eine beſondere Pilzgattung, Puccinia, an. Gegenwärtig bezieht ſich der Name Puccinia auf alle aus dieſen Winterſporen ſich entwickelnden Fruchtformen. Während die Uredoſporen ſich alsbald von ihren Stielen trennen, bleiben die Teleuto⸗ ſporen anf denſelben ſtehen und erreichen erſt im nächſten Frühjahre, nach abgelaufener Winterruhe, ihre Keimfähigkeit.

Bei der Keimung treiben ſie einen dicken, ſtumpfen, meiſt gekrümmten Keimſchlauch, von Tulasne Promycelium(Fig. 3) genannt, deſſen Längenwachsthum raſch verläuft. Es erfolgt die Theilung des Schlauches durch Querwände, und jede der vier Zellen, manchmal die unterſte ausgenommen, treibt eine

¹) Kühn: Die Krankheiten der Kulturpflanzen. ²) de Bary: Neue Unterſuchungen über Uredineen(Monatsberichte der Königl. Preuß. Akademie der Wiſſen⸗ ſchaften zu Berlin, 1865).