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Als Ernährungsorgan iſt das Mycelium dazu beſtimmt, aus den Säften der Pflanze, die man dem Schmarotzer gegenüber Wirth oder Nährpflanze nennt, Nahrung aufzuſaugen. Das Mycelium heißt einjährig, wenn es innerhalb einer Vegetationsperode, oft in ſehr kurzer Zeit ſeine ganze Entwicklung vollendet. So das Mycelium der auf Veilchenarten ſchmarotzenden Puccinia Violorum, oder dasjenige des Bohnenroſtes, Uromyces Phaseolorum, oder des Getreideroſtes, Puccinia graminis.
Es gibt jedoch auch viele Roſtpilze, deren Mycelien ausdauern und alljährlich zu beſtimmten Zeiten neue Fruchtträger entwickeln. Zu dieſen gehören Endophyllum Euphorbiae ¹), welches auf Wolfsmilch⸗ arten ſchmarotzt, das auf der Hauswurz vorkommende Endophyllum Sempervivi, der an Euphorbia Cyparissias auftretende Uromyces scutellatus ²).
Endlich ſind hier noch die Mycelien von Accidium elatinum und Accidium Pini zu erwähnen, welche über 50 Jahre im Holze und Baſte der Weißtanne oder Kiefer perenniren.
Nachdem das Mycelium in einer gewiſſen Entwicklungsperiode der einzige Beſtandtheil des Pilz⸗ lagers geweſen, beginnt auf ihm die Entwicklung der Befruchtungsorgane. Die Mycelfäden verfilzen ſich mehr oder weniger dicht. Durch ihre Verflechtung und ihr dichtes Aneinanderlegen entſtehen unterhalb der unverletzten Epidermis offene Sporenlager. Dieſelben ſind theils nackt, theils von einer ſich öffnenden Hülle(Peridie) umgeben. In ihnen erheben ſich aufrechte fadenförmige Stielchen(Baſidien), auf welchen die Sporen ſitzen(Fig. 1 u. 2). Bei der Reife trennen dieſe ſich von den Baſidien,„ſie ſchnüren ſich ab“. In Folge der Vergrößerung des Sporenlagers wird häufig die Oberhaut des erkrankten Pflanzentheiles zerriſſen, ſo daß die Sporen auf der Oberfläche erſcheinen, wie wir dies bei den vom Getreideroſte, Puccinia graminis, heimgeſuchten Gräſern ſehen können. In andern Fällen zerreißt jedoch die Oberhaut kaum oder erſt ſpät, und es bleiben dann die Sporen lange von ihr bedeckt, wie bei den Gräſern, die vom Stroh⸗ roſte, Puccinia straminis, befallen ſind. Die hervortretenden Sporenlager kommen meiſt in großer Anzahl an einzelnen Blättern oder Trieben, oft auch auf der ganzen Pflanze zerſtreut vor. Bald zeigen ſie ſich als Staubhäufchen, bald als kruſtige Flecken von gelber, rother, brauner oder roſtrother Farbe.
Bei den meiſten Roſtpilzen finden wir mehrere Arten von Sporen, welche, ſoweit bis jetzt be⸗ kannt iſt, in regelmäßiger Aufeinanderfolge erſcheinen und dabei oft ſo weſentliche Verſchiedenheiten zeigen, daß ſie bis in die neueſte Zeit als beſondere Pilzarten aufgeführt worden ſind.
Dieſes Auftreten verſchiedener Sporenarten, ſowie der Entwicklungsgang der Uredineen überhaupt läßt ſich am Beſten an dem Getreideroſte, Puccinia graminis, erläutern.
Dieſer Schmarotzer findet ſich nicht nur an unſern Getreidearten, ſondern auch an wild wachſenden Gräſern, wie Lolium perenne, Triticum repens, Dactylis glomerata, Aira caespitosa, Agrostis vulgaris, Alopecurus fulvus, Anthoxanthum odoratum. Er bildet an den jungen Blättern der genannten Pflanzen die ſchon erwähnten gelben Flecken. Bringen wir den Durchſchnitt eines Blattes unter das Mikroskop, ſo ſehen wir durchſichtige helle Stielchen, auf welchen ovale oder elliptiſche Zellen ſitzen. Die Membran derſelben zeigt zwei Schichten, eine rauh punktirte Außenſchicht(Epiſporium) und eine zarte, farbloſe Innen⸗ ſchicht(Endoſporium). Der Protoplasmainhalt der Zellen ſchließt gelbe oder gelbrothe Oeltröpfchen ein.
Sobald dieſe Zellen eine gewiſſe Größe erreicht haben, trennen ſie ſich durch Abſchnürung von den Stielchen, welche nichts anderes als die Baſidien des Getreideroſtes ſind, während die abgeſchnürten Zellen eine Sporenart des betreffenden Pilzes darſtellen. Die Bildung der Stielchen und der Sporen hat natürlich eine außerordentliche Vermehrung des Volumens in dem befallenen Theile der Nährpflanze zur Folge. Die Oberhaut zerreißt, die Sporen treten nach Außen und erſcheinen auf der Oberfläche als gelbliche oder röthliche Staubhäufchen.
¹) Monatsberichte der Königl. Preuß. Akademie der Wiſſenſchaften zu Berlin. 1865. ²) de Bary: Morphologie und Phyſiologie der Pilze(II. Band von Hofmeiſter: Handbuch der phyſiol. Botanik).


