Aufsatz 
Zur Ethik des Stoikers Zenon von Kition / von Georg Joseph Diehl
Entstehung
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Wenn die unendlich höchste Vernunft das grosse schöpferische Gesetz ist, dem das ganze Weltall unterworfen ist, so ist auch die unbedingte Unterwerfung des Individuums, überhaupt jedes untergeordneten Theiles unter das allgemeine Gesetz die Tendenz des grossen ethischen Gesetzes, wonach folgerichtig das höchste Streben des Individuums darauf gerichtet sein muss, in Ueber- einstimmung mit der Natur zu leben und nach ihr sein ganzes Thun zu richten. Diese Harmonie des menschlichen Thuns mit der Natur setzt aber nothwendig eine allgemeine Kenntniss der Natur voraus. Damit ist zunächst die Nothwendigkeit der Physik dargethan und zugleich der Zusammenhang der speculativen Philosophie des Zenon mit seiner praktischen gegeben, der er eine um so grössere Sorgfalt widmete, je tiefer die Erfolglosigkeit aller speculativen Versuche der damaligen Denker gefühlt wurde. ¹1) Im Anschluss an Socrates, der bereits darauf hingewiesen, wenn auch nicht mit Verwerfung, so doch mit Umgehung der Speculation über Naturforschung oder meteorologischer Lehrfragen, wie er sie zu nennen beliebte dass man seine eigne Natur erforschen und erkennen müsse, um sie zu verbessern und zu veredlen und dass die wichtigste Untersuchung der praktischen Philosophie die Erforschung des höchsten Gutes sei, setzt er als höchstes ethisches Prinzip und als Endzweck alles menschlichen Strebens die Glückseligkeit(eudμοννα)ô. Die Glückseligkeit besteht ausschliesslich in der Tugend, die allein nur ein Gut ist. ²) Mithin muss die Glückseligkeit das erste sein und das, was wir absolut begehren; denn aus ihr entspringt eben der glückliche, ruhige Fortgang des Lebens(auνοιαα ⁵μροο). ³²) So wenig sie aber mit der Tugend in dem Verhältniss des Prädikats mit seinem Subjekte, oder der unmittelbaren Folge mit ihrem Grunde, oder des Zweckes mit seinem Mittel verbunden ist, so sehr ist sie mit der Tugend nothwendig verknüpft. Die Tugend ist das Absolute(ανπναααες), das an sich selbst Gute; sie ist das einzige, das vollständige Gute des vernünftigen Wesens, dessen Endzweck nothwendig die Glückseligkeit ist. Glückseligkeit mit Tugend verknüpft, macht daher für dasselbe das höchste Gut aus. Diese Verbindung von Tugend und Glückseligkeit ist so innig, dass Nichts ausser der Tugend unsere Glückseligkeit weder zu vermehren noch zu vermindern vermag, überhaupt Alles der Art ein Gleichgültiges für uns sein muss. ¹) Da nun die Selbstliebe das oberste Motiv aller Handlungen und die Triebfeder aller Wesen ist, ⁵5) und da'die Vernunft dem Universum durch ihre Wirkung auf es die Gesetze verleiht, welche es regieren(10ν αmeηαμαηιαιιαο⁵·,) so muss auch jedes Individuum bestrebt sein, der Vernunft entsprechend zu leben, d. h. so zu leben, dass es sich sowohl mit der besonderen Menschennatur als auch mit der allgemeinen Natur(dem Gesetze des Weltganzen oder mit der allgemeinen Weltvernunft, d vο‿νμ ι νπουπQσ, ντε ⁸σπσe ϑ ⁶σςσ ονοο) in Einklang befindet. Weil aber für jedes Wesen nur das, was seiner Natur gemäss, Gegenstand des Begehrens

¹) Plut. de repugn. p. 1035. Cic. de fin. IV, 6, 14.

²) Diog. 94. 101. Stob. 200. Sext. Emp. adv. Math. XI, 30. Cic. acad. II, 43: Zeno in una virtute positam beatam vitam putat; de fin IY, 21, 60.

*) r εν⁴αιονεσν½τ 2ιναυν dοieœro 1⁰ν%0*τιντινν τοντονν ε☛̈ν⁴αιοωνέα σεσυνν νιροοαα Slov. Stob. ecl. eth. 138. Diog. 88. Seneca: beata vita secundo defluens cursu. Sext. hypot. III, 171.

) Sext. adv. Math. XI, 61. Diog. 102.

*) Diog. 85: 11 deν 719051ν 90uiſe αασι ub³Q SEor ioxeu rI! 10 ryesi 4xν, oixeiouος- 16 v⁸ gνgss dn aoνis, œνσἀ᷑ mq⁶σιν) Xouονmνοο ν 2 mτοόσπι Te9 1e, 7rO0,τνν ol*αεινον elra. Teon Tœν So 11* aæντον qνgtaα ν⅔ τάαάνι vyeionow. oure ydo ddorασœν sixdος 1 æτoνν τ⁴‧ ον oure rolαr, uusr ³oroνσασν uift' odux oixsασσ.. x. 1. 1. Cic. off. 1, 4. 11; de fin. III, 5. V, 9 u. a. a. O. Gell. N. A. XII, 5. 7.

²) Sext. Emp. adv. Math. IX, 101. Plut. plac. phil. I, 7.