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Je mehr nun die Physik der Stoiker ausgebildet wurde, um so enger suchten sie ihre Ethik mit derselben zu verknüpfen, die vornehmlich von Chrysippus, Apollodorus, Diogenes und Anderen in eine Reihe von Unterabtheilungen gegliedert wurde, während Zenon und Kleanthes nach dem Zeugniss des Diogenes Laertius ihrer Ethik eine einfachere Theilung zu Grunde legten. Erst bei Chrysippus finden wir, wenn auch kein streng wissenschaftliches System der Moralphilosophie, so doch eine genauere Eintheilung der in derselben zu behandelnden Materien. So handelt schon Chrysippus zuerst vom Triebe(reo* ⁶ονιν), darauf vom Guten und Bösen(rεον αμmαινmηs καłďe⁶ν) dann von den Affekten(reol πα☛ιν), von der Tugend reot οris), vom Endzwecke(rεον εαεμ‿εονσο), von der Würdigung(reo* ννς τννα αeεᷣ æ), von den Handlungen und Pflichten(rrεοαε εν 1rOdAπνεέόνᷣ εα τOπνει ινmααιινννυννν), zuletzt von den Beweggründen(rreον ευνπννττοοτοροστνναφ Gντοταοιοιπιν). ¹) Es ist möglich, dass die drei ersten Glieder die vorhin erwähnte einfachere Theilung des Zenon und Kleanthes und mithin die Grundeintheilung ausmachten. ²) Zenon und Kleanthes gingen in der Ethik vom Triebe aus, da sich das eigenthümlich Menschliche schon im Naturtrieb zeigen muss. ³) Nun ist aber der Trieb den Menschen mit den Thieren gemein; beim Thiere äussert er sich nur in dem sinnlichen Wahrnehmungs- und Zeugungsvermögen, beim Menschen aber ist er zugleich ein durch Sprachvermögen und Vernunft geleiteter Trieb und als solcher nach Chrysippus 1yo Toοστεσααινις τον ττοεετν⁷ Der Trieb kann nun, soweit wir ihn mit den vernunftlosen Wesen gemein haben, nach der Lehre Zenons nicht ursprünglich auf Lust, sondern nur auf Erhaltung des eigenen Lebens und Wesens gerichtet sein, da die Lust ein Hinzukommendes, Unselbstständiges, ein&rrννεέννννααα ist. 5) Der Mensch unterscheidet sich von dem Thiere darin, dass seine Handlungen den Forderungen der Natur und der Vernunft entsprechen müssen. Er erhebt sich daher auch vermöge des ihm eigenen Triebes über den Zweck der blossen Selbsterhaltung und findet nur im Vernunftgemässen, in der Tugend seinen Endzweck. ⁶) Insofern sich der Mensch nämlich dem Vernunftgesetz unterwirft, als dem Göttlichen im Menschen, lebt er in voller Uebereinstimmung mit der Gottheit, der Natur und sich selber.*) Richtet nun der Mensch seine Handlungsweise nach den Forderungen des Triebes der Selbsterhaltung, so thut er, was sich gebührt, 10 ϑνκννοα ohne gerade tugendhaft zu sein; sobald er aber in seinem Handeln durch das Bewusstsein, in Uebereinstimmung mit Natur und Gottheit zu handeln, geleitet wird, so verrichtet er eine aus wirklicher Tugend-Gesinnung entspringende sittliche That(æατορονια).⁵) Die sich gebührenden Handlungen, wie die sittlichen sind von Empfindungen der Lust begleitet und, insofern auch letztere ihren Stoff im sinnlichen Gebiete finden, können auch sie sinnlich heissen; ²) doch darf sinnliche Empfindung nie zum Zwecke werden. ¹⁰)
¹) Diog. 84. Cic. de fin. III, 5— 22. Plut. Stoic. rep. p. 1035. Senec. ep. 69.
²) Vgl. Brandis a. a. O. p. 128 ff.
³) Diog. 85. 84. Cic. de fin. III, 5; IV, 10; V. 9. Senec. ep. 89. Sext. adv. Math. XI, 73.
⁴) Plut. Stoic. rep. p. 1037. Stob. ecl. eth. II, p. 160.
*) Cic. de fin. III, 5. Diog. 85. 94. Sext. adv. Math. XI, 77. Senec. v. b. 15. 9. Alex. Aphrod. de an. II, 12. 154. Brandis a. a. 0.
⁴) Plut. Stoic. rep. p. 1035. Cic. de legg. II, 8 u. a. St.
*) Diog. 87. 89. Cic. nat. deor. I, 13.—
*) Stob. ecl. eth. II, 158: 2φ ½ Qχαάιέιυ⁴υνιαυπν τπ⁴ ⁵ν ενα‿ ρασ⁵ τεᷣεεα,—ν ᷣe œτοονσυνιαre Aeyeσαν œτοο‿νσινααμ d‧'εnαd ur dosri ueoyrœrax, olon φ2‿oνsiν, τ⁶ diακοτσοτιανεs. Plut. Stoic. rep. p. 1037. Cic. de fin. III, 6. Diog. 116. Wellmann a. a. O. Stob. a. a. O. p. 110. Plut. de fort. Alex. Magn. orat. II. p. 332. de Stoic. paradox. p. 1037. Diog. 108. Cic. de offic. I, 3.
⁴) Plut. de repugn. p. 1042. Stob. I. c. II, 158. Cic. de fin. III, 6.
¹⁰) Cic. acad. II, 15; II, 46.


