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nur einen bestimmten Zeitraum währen. Der ausgeprägte Materialismus der älteren stoischen Schule schloss eine persönliche Fortdauer der Seele nach dem Tode aus; somit konnte auch der Gedanke an ein vollkommeneres seliges Leben nicht aufkommen, noch einen Einfluss auf das ethische Verhalten der Individuen ausüben und zwar umsoweniger, weil nach stoischer Ansicht der Besitz der Tugend den Menschen schon hier zum freiesten, edelsten und mächtigsten Wesen macht und der Gottheit an Glückseligkeit gleichstellt. Jüngere Stoiker scheinen in Bezug auf dieses Dogma geschwankt zu haben. ¹) So suchte Posidonius einerseits aus dem verwandtschaftlichen Verhältniss der menschlichen Seele mit der Gottheit, andererseits aus der Existenz unsterblicher Seelen in der Luft, an welchen man die deutlichsten Merkmale künftiger Ereignisse erkennen könne und endlich daraus, dass die Götter selbst im Traume, vornehmlich beim Herannahen des Todes sich mit den Seelen unmittelbar unterredeten und die Zukunft enthüllten, die offenbarende Kraft der Träume zu beweisen; und Seneca führt die Uebereinstimmung des Glaubens aller Völker an ein jenseitiges Leben, das er scharf von dem diesseitigen unterscheidet(ep. 102, 22 ff.), gerade als einen bedeutungsvollen Grund für die Richtigkeit dieser Lehre an(ep. 117, 6). Ueberhaupt erblickt er in diesem Leben nur eine Wanderung in der Fremde. Die Seele harret der Erlösung von ihrem irdischen Leiden, um in ihre wahre Heimath, den Himmel, gelangen zu können. Nichts von dem, was existirt, geht zu Grunde. Es gibt keine Vernichtung; der Tod unterbricht nur das Leben.(ad Polyb. 28, 3; cons. ad Marc. c. 19. 20; 25; ep. 102; ep. 36, 10. 71, 13.) In der Ekpyrose aber bleibt die ewige Wesenheit(ouαiα) mit ihrer Grundkraft(rονοε) unverändert und treibt zu einer neuen Weltbildung. ²) Zenon von Tarsus, Panaetius, Posidonius, Boethus und Andere schlossen sich der Lehre vom Weltbrande nicht an. Bei einer neuen Weltbildung lösen sich zuerst die Sphären der Fixsterne und Planeten, welche die Stoiker nach heraklitischer Vorstellung für feurige Erscheinungen halten; ³) demnächst Aether und Luft, die sie im Wege nach oben wie unten für die Mittelstufen und Substrate der bewegenden Prinzipien einstimmig gehalten zu haben scheinen. ⁴)— Die Seele hat ihren Sitz im Herzen, zum Unterschiede von Platon und Aristoteles, welche die verschiedenen Seelenthätigkeiten trennten und für den Sitz der Vernunft das Gehirn, der Empfindung das Herz und der Begierde den Unterleib erklärten; von ihr gehen nach Zenon drei, nach Chrysippus sieben Seelenvermögen— die fünf Sinne, das Zeugungs-(meιeναμα̈αιανανσ» und das Sprachvermögen(⁴ρννταινκικy— wie feine Fühler durch den Körper, deren Centralpunkt das herrschende Vernunftvermögen(νεέκιωιινιον) ist, das die Funktionen der übrigen untergeordneten
Vermögen leitet. ⁵) Das Vernunftvermögen aber verbindet die Funktionen der sinnlichen Wahrnehmung und
¹) Lipsius physiol. III, c. 11 u. 14. Cic. de divin. I, 30; II, 15, 21. Lact. de inst. VII, 7; 20.
²) Lipsius a. a. O. II, 21, 22. Kleanthes bei Stob. p. 372. Euseb. praep. ev. XV, 18. Stob. ecl. phys. I, 414. ³) Diog. 137.
⁴) Zeno bei Stob. p. 370. Chrysippus ibid. p. 374.
⁵) Lips. a. a. O. III, 17. Tertull. de an. c. 15. Plut. de virt. mor. c. 3. Diog. 159. Plut. plac. phil. IV, 4. Galen. de Hippocr. et Plat. III, 1. Nach Tertull. de an. 14 soll Zenon selbst nur drei, andere Stoiker dagegen fünf, sechs, sieben, acht, neun bis zwölf Theile der Seele angenommen haben. Jedenfalls scheinen sie über die Zahl und Bestimmung derselben verschiedener Ansicht gewesen zu sein. Wellmann vermuthet, Zenon habe die fünf Sinne nicht als ebenso viel besondere Seelentheile gerechnet, sondern wie es durch die Bezeichnung der Seele als Glα‿σσσννυννι μeναάνννμ⁵αßσ— wahrscheinlich werde, die gesammte sinnliche Wahrnehmung in das»/νεέαονιναν selbst verlegt. Vgl. Neue Jahrbücher für Phil. u. Pädag. 1873, Bd. 107 u. 108. Heft 7 u. 8. Sonach entspräche diese Dreitheilung auch der von Zenon festgehaltenen Dreitheilung der Philosophie, der Tugenden, der Ethik in die Lehre vom Triebe, vom Guten und Bösen und den Affekten und anderen.
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