Aufsatz 
Zur Ethik des Stoikers Zenon von Kition / von Georg Joseph Diehl
Entstehung
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die menschliche Seele für den Körper; denn gleichwie diese die ganze Welt durchdringt, belebt und physisch organisirt, so durchströmt die menschliche Seele als der mit dem Leibe verwachsene- Hauch den aus gröberen Elementen geformten Körper. ¹) In dieser innigen Beziehung zum Leibe ist die Seele nach der Lehre Zenons und Anderer auch der Nahrung bedürftig, welche ihr durch die Ausdampfung des Blutes zugeführt wird, ebenso wie die ihr verwandten Gestirne sich von den Dünsten der Erde nähren. ²) Entsprechend dem Fundamentalgesetz seiner Physik hält nun auch Zenon die Seele für einen luftartigen, warmen Hauch, was sich beim Tode zeige, wo doch die Seele den Körper verlasse, und Panaetius lehrt, sie verflüchtige sich nach Auflösung des Leibes und ihre ätherischen Bestandtheile kehrten zur Ursubstanz zurück. ³) Und während Zenon in dem männlichen mπ‿εοιαα ein Gemisch von allen Seelenkräften erblickt, Kleanthes die Körperlichkeit der Seele aus der Aehnlichkeit der körperlichen Bildung und der Geistesfähigkeiten der Eltern und Kinder zu beweisen sucht, da sich bei der Zeugung die Lebensflamme des Erzeugten aus jener des Erzeugers entzünde,) behauptet Chrysippus, die Seele sei ein überaus freier, ätherischer, aber dennoch körper- licher Stoff; der Aether verleihe dem Körper die belebende Spannkraft(sörovic) und je nach der Stärke und Schwäche derselben bestimme sich der Charakter sowohl des Körpers als des Geistes.*)

Indem nun die Stoiker das Verhältniss der W9echselwirkungen zwischen Seele und Organisation hervorhoben, behaupteten sie, gleichwie Epikur und aus ähnlichen Gründen, die Materialität der Seele und damit ihre Sterblichkeit. Kleanthes und Chrysippus erklären sie für einen Theil des obersten Prinzips, der Gottheit, und nicht aus der qualitätslosen Materie gebildet und lehren, zu jenem müsse sie zurückkehren, jedoch nicht sofort nach der Auflösung des Körpers, meint Kleanthes, sondern erst am Ende des grossen Wfltenjahres, während Chrysippus die persönliche Existenz ausschliesslich für die consistenteren Seelen der Weisen gelten lassen will, die er nach dem Tode in der unter dem Monde befindlichen Luftregion so lange weilen lässt, bis sie, wie alles Entstandene, bei dem nächsten Weltbrande in den Urstoff zurücksinken.) Diese von Kleanthes und Chrysippus aufgestellte partielle Unsterblichkeit steht aber durchaus in keiner Beziehung zur stoischen Ethik und war wohl mehr eine Concession an den allgemeinen Glauben. Aehnlich mag es sich auch mit der von Lactantius uns überlieferten zenonischen Schilderung von dem Aufenthaltsorte der Seligen und Verdammten verhalten, die uns aber zur Annahme zwingt, dass bereits Zenon, trotzdem dass die Seele als körperliches Wesen den Gesetzen der Körperlichkeit unterworfen ist, eine Erhaltung der Seelen sowohl der Guten als der Bösen über das Leben hinaus gelehrt haben muss. Selbst das selige Leben der Götter, die, wie Alles, diesem Schicksal unterworfen sind, lässt Zenon

ydo u᷑s εμμάινονς, d 57r0 10510v drerœν. Plut. de repugn. p. 1053. 1084. Cic. acad. I, 11. Euseb. praep. ev. XV, 20, 2.

¹) Plut. de plac. phil. IV, 3, 3. Cic. n. deor. III, 14. 36; Tusc. I, 10, 19. Aurel. II, 14; V, 27. Epict. diss. I, 14, 6; II, 8, 11. Tertull. de an. 5.

²) Euseb. praep. ev. XV, 21, 3: Zi) ν du3» vdo vc Kledndet verlso/ eis 11 dy Jiæ 091 agãgoa oeεσυνν⁸ Teεν αάνιμι dεάαεννεσν εκα rανιν d.νμασ 1⁰0 Gειέόκςεο σέιι⁸ιαανεο etyt 11 νκην νααν νμμςανυνσνσσρα. Aurel. V, 33. VI, 15. Tertull. de an. 25 u. A. Plut. Stoic. rep. p. 1052 f.; 1084. Zeller a. a. O. III, p. 181.

a) Tertull. de an. 5. Diog. 156. Plut. plac. phil. IV, 7. Cic. Tusc. I, 31, 77 ff.

⁴¹) Nemes. de n. hom. p. 76. Sext. Emp. adv. Math. 228. 372; VIII, 400. Cic. de n. deor. III, 14.

³) Nemes. a. a. O. p. 81. Euseb. praep. ev. XV, 20, 1. Plut. de coh. ira 15.

) Diog. 157. Plut. plac. phil. IV, 7. Cic. Tusc. I, 31, 77 ff. Nemes. a. a. O. p. 33 sd. Stob. ecl. eth. p. 110. Tertull. de an. 54. Zeller a. a. O. p. 140.