Aufsatz 
Zur Ethik des Stoikers Zenon von Kition / von Georg Joseph Diehl
Entstehung
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wesentlich von der Lehre Zenons abwich, anders dachte und die er in diesen Schriften besprochen haben dürfte. Der speculativste und wissenschaftlichste Kopf der ganzen Schule, der gerade durch seine sorgfältige Bearbeitung der Logik dem schwanken Gebäude Zenons eine haltbare Grundlage gab, konnte sich unmöglich damit begnügen, auf die Worte des Meisters zu schwören und streng an dem System zu halten, wie es Kleanthes gethan, sondern musste schon zur Vertheidigung, Bearbeitung und Ausbildung desselben aus eigenem Geiste neue Ideen entwickeln und neue Gründe aufsuchen. Dem Chrysippus gebührt das grosse Verdienst, durch die wissenschaftliche Bearbeitung der Logik dem zenonischen System Harmonie und Festigkeit gegeben und damit die Fortdauer der Schule begründet zu haben. ¹)

Sehen wir zunächst, wie Zenons unmittelbare Schüler über die Ethik und ihr Verhältniss zu den übrigen Disciplinen gedacht haben. Schon Ariston war der Ansicht, die Ethik sei die einzig mögliche und nothwendig ursprüngliche Vernunftwissenschaft, die Tugend aber das einzige, wahre und höchste Gut und das Streben darnach die ausschliessliche Bestimmung des Menschen; denn auf ihr allein beruhe seine Glückseligkeit. Sowohl die physikalischen als auch die dialektischen Untersuchungen erklärte er für nutzlos und entbehrlich; die Physik liege ausser dem Bereiche unserer Erkenntniss und gewähre keinen praktischen Nutzen; die Dialektik aber schade mehr als sie nütze, da sie zur Glückseligkeit des Lebens Nichts beitrage, einem Spinnengewebe vergleichbar, das zwar künstlich, aber nutzlos sei, oder dem Strassenkoth, der zu nichts tauge, aber doch den Gehenden besudele. Darum behandelte er auch mit völliger Umgehung der Physik und der Logik nur die allgemeine Tugendlehre und behauptete, einzig und allein das Sittlich-Gute habe einen Werth; gegen all und jedes Natürliche müsse sich der Weise gleichgültig verhalten, ohne das Eine dem Andern vorzuziehen. Die specielle Moral mit ihrer Anwendung auf das Leben sei nicht Sache der Philosophen, sondern den Kindermädchen und Pädagogen zu überlassen.*) Sollte die Geringschätzung der enkyklischen Wissenschaften, deren Anhänger Ariston mit den Freiern der Penelope verglich, die statt der Gebieterin die Mägde erhielten, und die Verwerfung der physikalischen und dialektischen Untersuchungen nicht als Rückfall in den Kynismus aufzufassen, sondern vielmehr auf Zenon zurückzuführen sein? ³) Der einseitigen Richtung entsprechend, die Ariston verfolgte und aus den Notizen, die uns Diogenes, Cicero und andere über seine Lehre hinterlassen haben, lässt sich vermuthen, dass er nicht zum Kynismus zurückgekehrt ist. Die aufgestellten Behaup- tungen dürften, wenn auch nicht in dieser Schroffheit, den Anschauungen des Kitiers entlehnt sein. Allerdings weicht Ariston, obwohl er in den Hauptpunkten der Moral seinem Lehrer Zenon folgt, doch wieder insofern von ihm ab, als er den Begriff vom höchsten Gut noch consequenter festhält als es sein Meister gethan, indem er kein von Natur Angemessenes anerkennt, also auch keinen Werthunterschied desselben festsetzt. Von dem Kynismus jedoch unterscheidet ihn wieder die Annahme, dass trotz der Gleichgültigkeit gegen Alles, was nicht wahrhaft Sittliches ist, wir uns doch nach Massgabe der Verhältnisse bestimmen lassen sollen, das Eine dem Andern vorzuziehen) Was nun die übrigen, oben angeführten Ansichten des Ariston anlangt, so müssen wir uns vergegen- wärtigen, dass Zenon, obwohl er in seiner roltweic manche platonische Ansichten adoptirt hatte,

¹) Diog. VII, 18; Gell. noct. att. VI, 2; Cic. acad. II, 24.

²) Sext. adv. Math. VII, 12, 13, XI, 64 sq.; Diog. 160; Senec. ep. 89. 94; Stob. flor. 82, 16; 80, 7; Cic. fin. IV, 16; Acad. II, 42, 39, 123: Aristo Chius qui nihil istorum(sc. physicorum) sciri putat posse. Gegen ihn besonders sucht Chrysippus den relativen Werth der demenatürlichen Triebe entsprechenden Güter hervorzuheben.

²) Stob. a. a. 0. 4, 110.

*) Vgl. auch Brandis griech. und röm. Phil. p. 163; Cic. fin. IV, 16; Sext. adv. Math. XI, 64 sq.