Aufsatz 
Zur Ethik des Stoikers Zenon von Kition / von Georg Joseph Diehl
Entstehung
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seine Handlungen mit den Gesetzen des Weltganzen in Einklang zu bringen habe, erheischte unabweislich die Pflege der Physik. Welchen Antheil aber gerade Zenon an der Ausbildung derselben gehabt, lässt sich nicht mehr ermitteln; den spärlichen Notizen zufolge können wir jedoch als gewiss annehmen, dass er bei seiner durch die politische und religiöse Corruption der Zeit hervorgerufenen Vorliebe für die Ethik jedenfalls die Grundpfeiler der Physik hingestellt und den weiteren wissenschaftlichen Ausbau seinen Schülern und Nachfolgern überlassen hat.

Dass übrigens schon bei dem Stifter der Schule die theoretische Speculation und zwar ausdrücklich nur Nebensache gewesen und der Schwerpunkt seines philosophischen Wissens im Handeln gelegen hat, beweist die angeführte Ordnung der drei Disciplinen, in welcher die Ethik von Zenon wohl darum zuletzt behandelt wurde, weil er das sittliche Leben für den letzten Zweck der Philosophie hielt. Immerhin muss uns aber in der angegebenen Reihenfolge der Disciplinen die Voranstellung der Physik auffallend erscheinen, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass die ethischen Bestimmungen in der nothwendigen Uebereinstimmung der menschlichen Natur mit der im Universum dominirenden allgemeinen Vernunft begründet sein sollen, das heisst, insoweit sie die Harmonie des menschlichen Handelns mit der Natur forderten, mithin die allgemeine Natur-Erkenntniss voraussetzen, die wieder der Kern und Ausgangspunkt des zenonischen Systems ist und deren Lehre dem physikalischen Theile der Philosophie zufiel.¹) An der weiteren Ausbildung der Logik hat Zenon nachweisbar nur geringen Antheil gehabt. Durch seine Polemik mit dem zum Skepticismus übergegangenen Arkesilaos wurde er in der Logik vornehmlich auf die Kriterien der Wahrheit geführt und versuchte sich in der psychologischen Logik, aber, nach dem, was uns darüber berichtet wird, ohne bedeutenden Erfolg. Man wirft ihm vor, er habe weit weniger Fleiss auf sie verwendet als seine Vorgänger, keine originellen Ansichten producirt, sondern für die vornehmlich seinen Vorgängern entlehnten Begriffe, Ausdrücke und Formeln nur neue termini technici erfunden,*) wesshalb denn auch Chrysippus, der nach Diogenes Laertius VII, 198, 195, 201 nicht weniger als 311 logische Schriften verfasste, sich durch eine umfassende Behandlung dieses Zweiges der Philosophie grosse Verdienste erwarb und alle seine Vorgänger verdunkelte. Wie wenig den Chrysippus schon als Schüler die Vorträge des Kleanthes befriedigt zu haben scheinen, davon zeugt das an seinen Lehrer gestellte Verlangen, er möge ihm nur die Lehrsätze geben, die Beweise wolle er schon selbst finden; wie sehr er aber in der Logik mit den Ansichten Zenons im Widerspruch stand, lässt sich aus der von Diogenes VII, 179 uns aufbewahrten Notiz über Zenon und seinen sieben gegen Zenon gerichteten Abhandlungen logischen Inhaltes folgern, deren Titel uns Diogenes namhaft macht.¹) Mag man über diese Abhandlungen denken, wie man will, mögen sie alle oder nur theilweise gegen Zenon gerichtet gewesen sein, so viel geht wenigstens aus ihrer Inhalts- angabe mit Gewissheit hervor, dass Zenon in seinen Schriften sich mit der Logik befasst und auf diesem Gebiete Ansichten entwickelt haben muss, über die Chrysippus, jener Meister der Dialektik,¹) der ja nach dem ausdrücklichen Zeugniss des Diogenes Laertius in vielfacher Beziehung

)) Diog. 40; Plut. I. c.; Sext. adv. Math. VII, 22; Diog. 39; Senec. quaest. praef; Sext. Emp.

hypotyp. II, 2; Zeller, Philosophie der Griechen III, p. 56.

²) Cic. de fin. IV, 4. de quibus a Chrysippo maxime est elaboratum, tamen a Zenone minus multo quam ab antiquis. Ab hoc autem quaedam non melius quam veteres, quaedam omnino relicta. de fin. III, 2. Zeno non tam rerum inventor fuit quam novorum verborum; V, 8; 29; IV, 3, 25; Acad. 5, 1; 10; legg. I, 13; 20; Diog. 25; 122.

³) Diog. 179; 182; vgl. auch 185; 195; 198; 201; Cic. acad. II, 47, 143; Plut. Stoic. rep. 1034.

) Diog. 180 erzählt, von seiner dialektischen Schärfe habe man allgemein gesagt, wenn die Götter sich einer Dialektik bedienten, so sei es keine andere als die des Chrysippus.