Zur Ethik des Stoikers Zenon von Kition.
Von Dr. Georg Joseph Diehl.
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Erster Theil.
Die Lehre der Stoiker vom Ursprung und Wesen der Seele und ihrem Verhältniss zum Körper steht im innigsten Zusammenhang mit ihrer Physik, welche zwar alles Seiende in Körper- liches und Unkörperliches theilt, aber von der Voraussetzung ausgeht, dass nur das Körperliche wahrhaft und Grund des Unkörperlichen sei. Die vorherrschend praktische Richtung der Stoa spricht sich sowohl in ihren Definitionen als in ihrer Eintheilung der Philosophie aus, deren wesentlicher Zweck in dem richtigen ethischen Verhalten des Menschen liegt. Die Weisheit, d. i. die Wissenschaft von den göttlichen und menschlichen Dingen, nannten sie das vollkommene Gut des menschlichen Geistes, und Philosophie die Uebung der vollendeten Kunst(&,‿ιπησεκ‿ν εειαμε) der Tugenden, deren Dreitheilung in logische, physische und ethische genau ihrer Eintheilung der Philosophie in Logik, Physik und Ethik entspricht.¹) Die Physik, erklären sie, sei nothwendig, weil man nur durch die allgemeine Naturerkenntniss die Harmonie des menschlichen Handelns mit der Natur erzielen könne, und die Dialektik unentbehrlich, weil man, ohne die Gründe der Erkenntniss ausgemittelt zu haben, auch das Gute und Böse nicht scharf zu sondern und der Weise, wie Zenon meint, dem Irrthum und der Täuschung nicht zu entgehen vermöge. ²) Diese beiden Disciplinen hat Zenon sicherlich nicht verworfen, da er in seiner Schrift reo? öyov die Dreitheilung der Philosophie in Logik, Physik und Ethik nach dem Vorgange der Akademiker und Peripatetiker festgesetzt und wohl auch näher begründet, jedenfalls aber in der angegebenen Reihenfolge vorgetragen hat, scheint ihnen aber nur insofern Werth beigelegt zu haben, als sie ihm zur Einleitung in seine Pflichtenlehre und zum Verständniss derselben unumgänglich nothwendig erschienen.¹5) Schon die innige Durch- dringung von Kraft und Materie, als des einzig Wirklichen und die Forderung, dass der Mensch
*) Plut. plac. prooem; Stoic. repugn. 103; 105; Senec. ep. 89; Diog. Laert. VII, 92; Plut. plac. phil. I, 1; Senec. I, I: philosophia studium virtutis est, sed per ipsam virtutem— nece philosophia sine virtute est, nec sine philosophia virtus.
²) Plut. Stoic. rep. p. 1035; Cic. de fin. IV, 6, 14; Diog. 40, 83; Cic. acad. II, 20. Sapientis autem hanc censet Arcesilas vim esse maximam, Zenoni assentiens, cavere ne capiatur, ne fallatur, videre.
²) Diog. 39, 41; Kleanthes Eintheilung der Philosophie in sechs Disciplinen stimmt im Wesentlichen mit dieser Dreitheilung überein, indem in derselben Rethorik, Politik und Theologie aus jenen drei Disciplinen zu eigner Behandlung ausgesondert wurden. Diog. 41; Plut. Stoic. rep. 1035. Nach Diog. 40 hat sie auch Chrysippus in dieser Reihenfolge vorgetragen; andere in anderer Ordnung. Sext. adv. Math. VII, 22.


