Aufsatz 
Abhandlung über die Vorbildung der Aspiranten für das Schullehrer-Seminar
Entstehung
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ſchlecht leſen. Das Leſen mit Ausbruck, Geſchmack und Gefühl ober das Schönleſen wird demnach theils dadurch bewirkt, daß auf das Schöne und Herrliche, auf das Verabſcheuungswürdige und Gehäſſige, auf das Treffende und Wahre in dem Inhalte eines Leſeſtuͤcks aufmerkſam gemacht und darauf zum Le⸗ ſen aufgefordert wird; theils dadurch, daß der Lehrer ſchön und ergreifend vorliest. Vor dem bloßen Vormachen des Tons der Stimme, mit welchem geleſen wer⸗ den ſoll, muß gewarnt werden, weil es zu affectirtem und dann doch zu empſin⸗ dungsleerem Leſen führt. Das Vorleſen ſoll in der Regel nicht Aufgabe zur un⸗ mittelbaren Nachahmung ſein, ſondern nur Anreiz werden, zu einer vollkommenern Anſchauung. Kommt zu dem Angeführten noch die Gewöhnung an den Gedan⸗ ken, daß das Leſen nichts anders ſei, als der Vortrag einer Erzählung, Beſchrei⸗ bung ꝛc., und daß man hierbei auch nichts anders zu thun habe, als was man thut, wenn man eine Geſchichte erzählt, oder einen Gegeuſtand beſchreibt, nämlich: daß man bloß natürlich ſpreche, ſo kann erwartet werden, daß der Adſpirant den Forderungen genüge, welche man in Bezug Euf die Fahigkeit im Leſen an ihn machen muß.

Der Adſpirant ſoll bei der Aufnahme in's Seminar eine le⸗ ſerliche Hand und Dictirtes orthographiſch ſchreiben können. Wenn der Adſpiranten⸗Bildner den Werth einer ſchönen Handſchrift kennt, Ge⸗ fallen daran findet, und ſich ſelbſt eine ſolche angeeignet hat; wenn er zu der Ueberzeugung gelangt iſt, daß nur leſerliches und richtiges oder orthogra⸗ phiſches Schreiben Nutzen gewährt: ſo läßt ſich erwarten, daß er den Adſpi⸗ ranten mit Luſt und auch mit Erfolg ſchreiben lehren und denſelben auch dahin bringen werde, daß derſelbe leſerlich und orthographiſch ſchreibe. Ergibt ſich aber nach zwei Jahren ſeit der Entlaſſung aus der Schule, daß der junge Menſch aller orthographiſchen Kenntniß ermangelt; daß er ein einfaches Dictat ohne auffallende Fehler nicht zu ſchreiben vermag: dann trifft man auf einen fau⸗ len Fleck der Schule; dann zeigt es ſich, daß von Seiten des Lehrers zum Erwerb des unumgänglich nothwendigen Wiſſens und zur Einübung bildender Fertigkeit wenigſtens in dieſem Punkte das Nothwendige nicht geſchehen iſt. Um ſo auf⸗ fallender muß aber dieſe Erſcheinung ſein, wenn der junge Menſch während der zwei