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daß die Bauleute dieſen Plan durchdenken, um im Sinne des Bauherrn arbeiten zu können; ebenſo nothwendig iſt es, daß die Lehrer, welche ſich der Bildung der Adſpiranten unterziehen, den vorgezeichneten Plan in allen ſeinen Einzelnheiten ge⸗ hörig ins Auge faſſen, und denſelben möglichſt vollſtändig zur Ausführung zu bringen ſich bemühen. Sollten nachſtehende Winke etwas zur Ausführung deſſelben beitragen, ſo wäre der beabſichtigte Zweck erreicht.
Der Paragraph ſagt:
Der Schul⸗Adſpirant ſoll ſeine Mutter farache logiſch und ſelbſt äſthetiſch leſen können.
Gutes Leſen iſt eine Kunſt, und zu dieſer Kunſt führt nur ein guter Leſeun⸗ terricht. Dieſer iſt gut, wenn derſelbe Intereſſe für den Leſeſtoff durch Einführung in das Verſtändniß deſſelben erweckt. Ohne Intereſſe für den Leſeſtoff, ohne Ver⸗ ſtändniß deſſelben iſt das Leſen werthlos, ja ſogar ſchädlich, weil es die Geiſtes⸗ kräfte abſtumpft und zu dem verdummenden Leiern und Singen den Grund legt. Beim Adſpiranten iſt das Leſen nicht mehr Selbſtzweck. Aus dem Geleſenen ſoll er neue Gedanken ſchöpfen, ſich geiſtig entwickeln, und dieſes wird geſchehen, wenn der Lehrer darauf dringt, daß langſam, lautrein, kräftig, richtig betont, und vor Allem, daß mit Nachdenken geleſen werde. Der letzte Punkt iſt be⸗ ſonders wichtig. Intereſſe für den Leſeſtoff iſt, wie bemerkt, durch das Verſtänd⸗ niß deſſelben bedingt, und dieſes wird durch fortgeſetztes Abſragen und Conſtruiren der einzelnen Sätze, durch Zerlegen größerer Satzganze in Theile, durch Verſetzung der Satztheile, durch Erklären bildlicher Ausdrücke u. ſ. w. bewirkt. Gewöhnung an ein Analyſiren und Conſtruiren des Leſeſtoffs fuührt zum Verſtändniß, Ver⸗ ſtändniß erregt Intereſſe, Intereſſe belebt den Ausdruck, und ein einziger Satz mit Verſtand und Ausdruck geleſen, nützt mehr, als Seiten mit Schnelligkeit abge⸗ leiert. Daß manche Leute ſo wenig von dem verſtehen, was ſie leſen, kommt offenbar daher, daß ſie nie an ein Analyfiren und Conſtruiren des Leſeſtoffs ge⸗ wöhnt wurden. Iſt aber ein Leſeſtück recht durchconſtruirt und erläutert, erzählt und abgefragt, iſt Gewöhnung zum Nachdenken, zum Auffaſſen des Gedankens .erzielt worden, ſo ergibt ſich das gute, ausdrucksvolle, äſthetiſche Leſen, weil es eine feſte Grundlage hat, von ſelbſt. Wer verſteht, was er liest, kann nicht
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