Aufsatz 
Abhandlung über die Vorbildung der Aspiranten für das Schullehrer-Seminar
Entstehung
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liches Gebrechen an den Sprachwerkzeugen zu beſtegen iſt. Ebenſo nothwendig, als gut ausgebildete Sprachweikzeuge, ſind ein gutes Auge und Ohr. Der Lehrer hat zu ſehen und zu hören und dazu bedarf er guter Siane. Ein guter Geſichts⸗ ſinn iſt ihm bei ſeiner Wirkſamkeit unentbehrlich. Während des Unterrichts hat er die Schüler im Auge zu behalten, ihre Aufmerkſamkeit, ihre Beſchäftigung und ihren Fleiß zu beobachten; denn wiſſen ſich die Schüler vom Lehrer nicht beobachtet, ſo treiben Leichtſinn, Flatterhaftigkeit, Muthwillen ihr Spiel, der Unterricht bleibt ohne Fruͤchte, die Erziehung geht verloren, und Durchſicht und Beurtheilung der Arbeiten iſt ſehr erſchwert. Fehlt dem Lehrer ein gutes Gehör, ſo werden unrich⸗ tige, unvollſtändige Antworten uͤberhört, vom Unterrichte abziehende Unterhaltungen, ſowie gegenſeitiges Zuflüſtern der Kinder nicht ausbleiben. Daher eignen ſich junge Leute, welche an Harthörigkeit leiden, nicht zum Schulamte.

Das Seminar wird imgleichen die vorerwähnte Beſtimmung nur an den⸗ jenigen erreichen, welche zum Schulfache die nöthige intellectuelle Befähigung haben. Der Lehrer ſoll durch ſeinen Unterricht zunächſt die jugendliche Denkkraft der Schü⸗ ler belebend anſprechen, anregen, entfalten; ihre geiſtigen Anlagen wecken, üben, ſtärken und ihren Willen auf das Gute lenken. Das iſt aber kein mechaniſches Geſchäſt, ſondern ein ſehr ſchwieriges, ein Geſchäft, das aus der innerſten Lebens⸗ thätigkeit eines gebildeten, uͤberlegenden, auf jedem Schritt ſich ſeines Thuns be⸗ wußten Geiſtes hervorgeht. Dazu gehört eine ſcharfe Beobachtung der Kindesna⸗ tur und ihres Entwicklungsgangs, Beurtheilung der Mittel und Wege zu deſſen Beförderung, Geſchicklichkeit, die Mittel und Wege anzuwenden, und außerdem ſind hierzu mancherlei Kenntniſſe und Fertigkeiten durchaus erforderlich. Zur Er⸗ werbung derſelben iſt vor Allem eine gute Auffaſſungsgabe, eine lebendige Einbil⸗ dungskraft, ein treues Grdächtniß und eine gute Urtheilskraft unumgänglich nöthig. Wer dieſe Fähigkeiten des Geiſtes nicht hat, wem die Lebendigkeit und Rührigkeit des Geiſtes und die dadurch bedingte Sprachfertigkeit fehlt, wem der rege Wiſſens⸗ trieb mangelt, der beſitzt nicht die Eigenſchaften, die, wenn auch unter der ſorg⸗ fältigſten Vorbereitung, einen günſtigen Erfolg erwarten laſſen. Nur junge Leute mit lebendigem, anſprechendem Geiſte, die ſich gern mittheilen, unermüdet thätig ſind, die rein und richtig ſprechen, uͤberall und von Allem lernen, denen es Freude