Aufsatz 
Die Lehre von der Rechtfertigung aus dem Glauben : vom ethischen Gesichtspunkte aus dargestellt / von August Dieckmann
Entstehung
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ſtützen, verlaſſen, bauen. Auf Gott angewandt, ſchließt ſolches Trauen die Vorausſetzung ein, daß Gott uns wohl wolle, daß er uns gnädig ſei. Mit Recht ſieht Luther dieſen Glauben ſchon im Dekalog gefordert, wenn er nach der oben angeführten Definition fortfährt:Einen ſolchen Glauben, da das Herz alle Zuverſicht auf Gott allein ſetzet, fordert Gott im erſten Gebot, da er ſpricht, ich bin der Herr, dein Gott. Das iſt, ich will allein dein Gott ſein, du ſollſt keinen andern Gott ſuchen; ich will dir helfen aus aller Not. Du ſollſt mir von Herzen trauen und glauben, daß ich dein Helfer ſein wolle, du ſollſt bei keinem andern Hülfe und Troſt ſuchen. Du ſollſt auch nicht denken, daß ich dir Feind ſei und dir nicht helfen wolle. Wo du alſo denkſt, ſo macheſt du mich in deinem Herzen zu einem andern Gott, denn ich bin. Darum halt's gewiß dafür, daß ich dir wolle gnädig ſein, und ſei mir in den andern Geboten gehorſam(Hauspoſtille, 1534). Je reifer der Glaube wird, deſto mehr erſchließt ſich ihm als ſein eigentliches Objekt die Gnade Gottes. Der Glaube iſt daher im neuen Teſtament durchaus das Correlat zu der göttlichen Gnade, vgl. Röm. 4, 16: 51à 1oto iorsos, NWa xxνrà Aotv. Er iſt gleichſam das religiöſe Organ des Menſchen. Über die Ergreifung der Gnade Gottes wächſt der Glaube niemals hinaus, ſo ſehr ſich auch ſeine Erkenntnis des göttlichen Weſens bereichern mag. Es liegt in der Natur des Menſchen als eines Geſchöpfes Gottes begründet, daß der Glaube allezeit ſich auf Gottes Gnade angewieſen ſieht. In dieſer Hinſicht verhält ſich der Glaube immer receptiv. Aber der Glaube iſt doch nichts weniger als ein paſſives Ver⸗ halten Gott gegenüber. Wohl weiß der Glaubende, daß die Gnade Gottes im Grunde allem menſchlichen Wollen und Thun vorausgeht, daß ſie allezeit eine gratia praeveniens iſt, wohl weiß er auch, daß Gott allein der eigentliche Urheber des Glaubens iſt, ihn weckt und entzündet, ſein heiliges Feuer nährt und brennend erhält, aber er iſt ſich zugleich bewußt, daß es eine Gnadenordnung giebt, vermöge deren die Erfahrung der Gnade Gottes keine unbedingte iſt, daß man das Auge des Geiſtes aufſchlagen muß, um im Lichte der Gnade zu ſehen, daß Gott ſich nur zu denen naht, die ſich ihm nahen (Jac. 4, 8). Gott vernichtet ja nicht die Selbſtändigkeit des Menſchen, er will und begründet ſie vielmehr. Es bleibt freilich für uns ein Myſterium, das wir nicht ergründen können, daß wir über⸗ haupt, obwohl Gottes Geſchöpfe, doch ſelbſtändige Perſönlichkeiten neben ihm ſind. Allein die Thatſache beſteht, und im Glauben ſteigert ſich nur das Wunderbare, daß Gott in uns wirkt und zugleich wir ſelbſt zum freieſten Wirken gelangen.

Dies führt uns auf die ethiſche Natur des Glaubens, die für das Rechtfertigungs⸗ problem von entſcheidender Bedeutung iſt.An Gott glauben im Sinne des Vertrauens auf Gott iſt nur möglich unter der Vorausſetzung einer relativen ſittlichen Lauterkeit des Menſchen. Der Glaube iſt ja nicht ein bloßes verſtandes⸗ oder gedächtnismäßiges Fürwahrhalten von dogmatiſchen Sätzen, auch nicht eine bloße Gefühlsſache. Er nimmt den ganzen inneren Menſchen in Anſpruch, inſonderheit auch den Willen. Er iſt die größte innere That des Menſchen. Auf einer Seitenfläche des Hauptpoſtaments des Lutherdenkmals zu Worms ſtehen Luther's herrliche Worte:Der Glaube iſt nichts anders, denn das rechte, wahrhafte Leben in Gott ſelbſt. Im Glauben treten gleichermaßen alle Geiſteskräfte, Verſtand, Gefühl und Wille in das rechte Verhältnis zu Gott; wie das Ideal der Perſönlichkeit, ſo iſt auch das Ideal und Ziel des Glaubens die harmoniſche Entfaltung aller Geiſtes⸗ und Seelenkräfte. Aber in ſeinem innerſten Kerne iſt er doch wohl eine Willensbeſtimmtheit des Menſchen. Auguſtin fand in der perversa voluntas(Confessiones