Aufsatz 
Die Lehre von der Rechtfertigung aus dem Glauben : vom ethischen Gesichtspunkte aus dargestellt / von August Dieckmann
Entstehung
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göttlichen Wohlgefallens dem Sünder fühlbar, und damit vollzieht ſich in dem inneren Forum des Gewiſſens die erſte, tiefſte und eigentliche Strafe der Sünde; dieſem inneren Gerichte kann kein Sünder entgehen. Mit dem Bruch des Bandes der Gemeinſchaft zwiſchen Gott und dem Menſchen, mit dem Verluſte der 5rxatocöyn ſteht der Menſch unter der 55%)) deoo, dem Zorne Gottes(Röm. 1, 18), mit welchem Drangſal und Bangen(dcpts 2* GrsONla) für die Seele des Sünders verknüpft ſind(Röm. 2, 9). Dieſes innere Gericht würde allein ſchon eine Hölle be⸗ deuten, wenn man auch von einer äußeren Hölle abſehen wollte. Die göttliche Weltordnung bringt es jedoch mit ſich, daß dem Verfall des inneren Lebens, das allein im Frieden mit Gott gedeihen kann (Röm. 2, 10), auch äußere übel als weitere Strafen der Sünde folgen. Dieſe würden jedoch ohne das ſie begleitende Schuldgefühl ihren eigentlichen Stachel verlieren; am Schuldbewußtſein hat die Strafe ihren ethiſchen Nerv, und dieſer muß voll gewürdigt werden, weil an keinem Punkte die ethiſche Betrachtung auf religiöſem Gebiete ſich verleugnen darf. Die Schuld wird allezeit alsder übel größtes von der Menſchheit empfunden werden, ſie ſtört und zerſtört uns die Freude am Leben und führt in abwärts führender Stufenfolge zum Tode in dem bibliſchen Sinne des äußerſten Verderbens und Elendes der Seele, zum Zuſtande der äußerſten Gottentfremdung, der Unſeligkeit oder Verdammnis. Die Einſicht in die verheerenden Wirkungen der Sünde muß nun aber in dem Maße wachſen, als wir erkennen, wie die Sünde nicht bloß ſo obenhin über die ganze Menſchheit verbreitet iſt, wie ſie vielmehr das innerſte Herzblut unſeres Weſens ergriffen und als die ſchlimmſte aller vererbten Krankheiten in uns bereits ihren vergiftenden Herd aufgerichtet hat, ehe wir uns deſſen noch klar bewußt ſind. Es iſt das große Verdienſt Kants, auf das radikale Böſe in der menſchlichen Natur aufmerkſam gemacht und damit nicht nur ein Analogon zu der kirchlich orthodoxen Lehre von der Erbſünde geliefert, ſondern zugleich dadurch auch denAufgeklärten ſeiner Zeit und aller Zeiten die ganze Größe der Aufgabe zum Bewußtſein gebracht zu haben, welche ſich vor uns erhebt, wenn wir nun die Frage aufwerfen: Wie wird die Krankheit, an der wir leiden, im Keime erſtickt, wie wird der Fluch der böſen That, der ja darin beſteht,daß ſie fortzeugend immer Böſes muß gebären, beſeitigt? Wie wird die Menſchheit aus den offenen und ver⸗ borgenen Banden der Sünde erlöſt, wie wird die geſtörte Harmonie mit Gott wiederhergeſtellt, wie wird der ſündige Menſch mit Gott verſöhnt?

Die Verſöhnung(naτeνυακφ, eig. Wechſel) des ſündigen Menſchen mit Gott bedeutet die Wiedererlangung der durch die Sünde uns verloren gegangenen Gnade Gottes. Ihr Zuſtandekommen iſt nun naturgemäß an dieſelben Mittelſtufen gebunden, die bei der Störung des harmoniſchen Verhältniſſes zwiſchen Gott und dem Menſchen in Betracht kamen. War die Rechtbeſchaffenheit des Menſchen gegenüber dem göttlichen Geſetzgeber und Richter, die StXAOGw, der Grund der göttlichen Hote, ſo muß, wenn das Problem der Erlöſung oder der mit ihr gleichwertigen Verſöhnung mit Gott vorliegt, die Frage nun ſo geſtellt werden: Wie gelangt der Sünder wieder zu jener di1u.loyy, die ihm durch die Sünde abhanden gekommen iſt? Wie wird er wieder eines ſich ihm in ſeinem Herzen und Gewiſſen bezeugenden Urteils Gottes über ihn teilhaftig, in welchem der gnädige und gerechte Gott ſeine Zufriedenheit mit ihm ausdrückt? Kurz, es erhebt ſich die Frage nach der Erlangung der Rechtfertigung, 51 Q.10. AtXMοσις und Stxteto haben im N. T. forenſiſchen Sinn, letzteres bedeutet: einen Menſchen für gerecht erklären. Ausführlich erörtert dies Trümpert im Gymnaſialprogramm von Darmſtadt 1888. Allein mit der Feſt⸗