Aufsatz 
Die Lehre von der Rechtfertigung aus dem Glauben : vom ethischen Gesichtspunkte aus dargestellt / von August Dieckmann
Entstehung
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herbeizuführen, für unſere eigene Arbeit lernen können. Nicht nur bei einem Abälard auf der Höhe des Mittelalters, auch bei einem Andreas Oſiander in der Reformationszeit, und auch bei Männern, welche außerhalb der großen Kirchengemeinſchaften ſtehen, wie bei einem Johannes Denk laſſen ſich Wahrheits⸗ momente oft in erſtaunlich heller Beleuchtung nachweiſen und entlehnen, die als Bauſteine für eine ſyſtematiſche Darſtellung der Lehre von der Rechtfertigung unentbehrlich ſind.

Mit Rückſicht auf die einer Programm⸗Abhandlung geſteckten räumlichen Grenzen kann hier natürlich nicht die Abſicht obwalten, eine vollſtändige ſyſtematiſche Darſtellung der Lehre von der Recht⸗ fertigung aus dem Glauben zu liefern, vielmehr ſoll in großen Zügen der Gang aufgewieſen werden, der für einen ethiſch gerichteten Aufbau jener Lehre maßgebend erſcheint.

Unter den Vorausſetzungen, von denen eine richtige Geſtaltung der Rechtfertigungslehre abhängt, iſt von entſcheidender Bedeutung die Lehre von Gott. Der Begriff, den wir von Gott haben, ſteht immer im Verhältnis zu der Stufe der Entwicklung, auf der ſich unſer ſonſtiges Wiſſen und Erkennen befindet. Es kann nicht fehlen, daß der entwickelten Welterkenntnis unſerer Zeit auch ein von der Anſchauung früherer Kulturſtufen ſich unterſcheidender Gottesbegriff entſpricht. Bringt nun auf der einen Seite die geſteigerte Einſicht in die Dinge der Welt für den modernen Menſchen die Gefahr und Verſuchung mit ſich, daß er über der Welt und ihren in die Sinne fallenden Erſcheinungen den unſichtbaren, geiſtigen Urheber der Welt überſieht und verleugnet, ſo kann und ſoll uns auf der anderen Seite der tiefere Einblick in die Offenbarung Gottes in der Natur⸗ und Menſchengeſchichte ein volleres und tieferes Verſtändnis des Weſens Gottes vermitteln. Jeder Fortſchritt des Naturerkennens verſtärkt in uns den Eindruck eines planvoll geordneten Ganzen, den wir von der Natur empfangen; ſie ſtellt ſich uns als ein in allen ſeinen Teilen nach dem Geſetze von Urſache und Wirkung geregeltes und in ſich zuſammenhängendes Werk dar. Sie trägt durchweg den Stempel der Geſetzmäßigkeit und nicht der Willkür. Weit entfernt nun, hierdurch zur Leugnung der Freiheit des dieſe Geſetzmäßigkeit in dem Naturverlaufe begründenden geiſtigen Geſetzgebers(denn allesGeſetz weiſt auf den denkenden Geiſt als ſeinen Urheber hin) leugnen zu müſſen, fühlen wir uns jedoch heute doppelt genötigt, jede Willkür aus dem Weſen Gottes ausgeſchloſſen zu denken und Ernſt zu machen mit dem Worte der geſchriebenen Offenbarung Gottes, mit dem Worte der Bibel(1. Cor. 14, 33):Gott iſt nicht ein Gott der Unordnung. In Gott, als einem Gott der Ordnung, decken ſich die höchſte Freiheit und die höchſte Notwendigkeit. Gott beſtimmt ſich nach den in ihm ſelbſt ruhenden Geſetzen der Weisheit, Liebe und Heiligkeit mit innerer Notwendigkeit. Wenn wir ihm die Eigenſchaft der Gerechtigkeit beilegen, ſo wollen wir eben damit ſagen, daß er ſtets mit ſich ſelbſt übereinſtimmt. Gott iſt ſich ſelbſt Geſetz. Natura divina sibi ipsi lex est (Waläus bei Ritſchl I S. 277). Iſt aber das Geſetz als übereinſtimmung des göttlichen Weſens mit ſich ſelbſt auch für Gott vorhanden, iſt Gott nicht exlex, weil er ſich freiwillig an den heiligen Inhalt ſeines Willens bindet, ſo muß Gott allezeit auch wie als der Urheber, ſo als der wirkſame Vertreter des Sittengeſetzes gegenüber den von ihm geſchaffenen Menſchen gedacht werden. Dieſes Sittengeſetz iſt nichts anderes als der Wille Gottes. Die ſittliche Weltordnung, waurzelnd im göttlichen Willen, ſchließt eben deshalb jede Willkür aus(vgl. Ritſchl III S. 234). Indem Gott ſittliche Weſen ſchuf, d. h. Weſen, die mit Vernunft begabt ſind und fähig, ſich innerhalb der ihnen von Gott geſetzten Schranken frei ſelbſt zu beſtimmen, war der Beweggrund, aus dem er ſie ins Daſein rief, ſeine Liebe, nämlich die Abſicht, dieſe Weſen zur vollſten Befriedigung, zur Seligkeit zu führen. Dieſe Abſicht aber