Aufsatz 
Die Lehre von der Rechtfertigung aus dem Glauben : vom ethischen Gesichtspunkte aus dargestellt / von August Dieckmann
Entstehung
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5 ausmacht, das geiſtige und ſittliche Kapital des Chriſtentums, das wir von den Vätern ererbt haben, durch denkende Betrachtung gleichſam neu zu erwerben, um es mit Vorteil zu beſitzen, es flüſſig zu machen für Kanzel und Schule, für das private und öffentliche Leben in allen Schichten des Volkes. Eine Dogmatik, die dieſer Aufgabe nicht genügt, hat ihren Beruf verfehlt; eine Dogmatik, die von Generation zu Generation bloß Petrefakten überliefert, die einſtmals Zeugen eines regen Lebens waren, nachher aber nur noch den toten Niederſchlag jenes Lebensſtromes bedeuten, hat zwar wohl hiſtoriſches Intereſſe, aber keine Bedeutung für die Gegenwart. Und jedes einzelne Dogma muß ſich auf ſeinen Wert an dem unveräußerlichen Kriterium prüfen laſſen, ob es in ſeiner feſtgefügten Form ſich als ein geiſterfülltes Gefäß darſtelle und ob es als Träger des reinen chriſtlichen Geiſtes geſchickt und geeignet ſei, auch an die kommenden Geſchlechter den köſtlichen Inhalt, dem es dienen ſoll, zu übermitteln. Je mehr ein beſtimmtes Dogma an Bedeutung vor den übrigen hervorragt, deſto ſorgfältiger muß jener Prüfſtein an dasſelbe angelegt werden. Nun kennt die evangeliſche Kirche kein wichtigeres Dogma als das von der Rechtfertigung aus dem Glauben. Man nennt es mit Recht das materiale Princip der evangeliſchen Kirche, mit ihm ſteht und fällt die eigentliche Bedeutung und der eigentümliche Vorzug der evangeliſch⸗proteſtantiſchen Auffaſſung des Chriſtentums. Vor allem an dieſem Dogma muß es ſich erweiſen laſſen, daß ein Dogma mehr iſt als eine Formel, die von den Leuten der Zunft ängſtlich gehütet wird, daß esaus der reichen, lebendigen Fülle der Schrift, gerade aus ihrer Mitte heraus geſchöpft iſt(vgl. Kaftan a. a. O. S. 35) und daß es ebendarum als Träger des chriſtlichen Geiſtes zu gelten hat.

Es iſt das unſchätzbare Verdienſt Albrecht Ritſchl's, eines auch in Laienkreiſen längſt wohlbekannten Theologen, in ſeinem berühmten Werke überdie chriſtliche Lehre von der Rechtfertigung und Verſöhnung die Probleme, welche ſich an das Dogma von der Rechtfertigung aus dem Glauben knüpfen, aufgedeckt und ihrer Löſung erheblich näher geführt zu haben. Hätte Ritſchl nur das eine Verdienſt, die im erſten Bande ſeines Werkes vorliegende Geſchichte der chriſtlichen Lehre von der Recht⸗ fertigung und Verſöhnung dargeſtellt zu haben, man wäre ihm zu außerordentlichem Danke verpflichtet. Nur die Kenntnis der geſchichtlichen Entwicklung dieſer Lehre ermöglicht ein gerechtes und einheitliches Urteil über dieſelbe; nur wer das Ganze der Entwicklung überſchaut, vermag der einzelnen Erſcheinung inmitten ihrer geſchichtlichen Umgebung und aus ihr heraus gerecht zu werden. Durch ſolche geſchichtliche Betrachtung werden wir in den Stand geſetzt, teils die vor der Reformation liegende katholiſche Theologie richtig zu würdigen, teils Einſeitigkeiten und Verkehrtheiten abzuſtreifen, die in der proteſtantiſchen Chriſtenheit aus falſch verſtandenem Eifer für die Sache des Evangeliums und aus rein polemiſchem Intereſſe gegen den Katholicismus vielfach Vertretung und eine bedenkliche Betonung gefunden haben. Die Geſchichtswiſſenſchaft iſt berufen, die Kluft zwiſchen den politiſchen und religiöſen Parteien überbrücken zu helfen. Aus einem rechten Verſtändnis der vorreformatoriſchen Theologie, wie ſie ſich in ihren edelſten Vertretern darſtellt, läßt ſich vieles gewinnen, was der evangeliſchen Kirche not thut und was ſie ſich aneignen muß, wenn ſie nicht in einſeitiger Hervorkehrung deſſen, was ſie von der katholiſchen Kirche trennt, ſich ſelbſt ihren Lebensboden verkümmern will. Zugleich lehrt die geſchichtliche Betrachtung der Entwicklung der Lehre von der Rechtfertigung und Verſöhnung, daß das vorliegende Problem noch nicht gelöſt iſt, daß vielmehr auch unſere Zeit an ſeiner Löſung arbeiten muß, und daß wir aus allen Verſuchen, die in den verſchiedenen Jahrhunderten gemacht worden ſind, ſeine Löſung