— 1—
gehören, begrüßen in ihm den Dolmetſcher deſſen, was ihre eigene Seele bewegt. Und von höchſter Stelle im deutſchen Reiche, aus dem Munde Kaiſer Wilhelms II. haben wir noch vor kurzem die ernſte Warnung vor dem„dogmatiſchen Gezänke“ vernommen, das der Kirche nur ſchaden könne. Und fürwahr, dieſes kaiſerliche Wort braucht nur richtig verſtanden zu werden, ſo kann es uns als Loſung gelten für die Löſung der Aufgabe, an die uns Kaiſer Wilhelm I. aus tief innerlicher Frömmigkeit heraus als die jedem Deutſchen und jedem Chriſten in erſter Linie obliegende gewieſen hat, indem er die Mahnung gab, Sorge zu tragen, daß dem Volke die Religion nicht verloren gehe. Wie, fragen wir, wird denn dieſer großen, hochpolitiſchen Aufgabe Genüge geleiſtet? Und die Antwort wird lauten: Wenn wir, ſtatt dogmatiſchem Gezänke uns hinzugeben, das ethiſche Element im Chriſtentum zur Geltung bringen, wenn wir die zum teil verſchütteten und vergrabenen Schätze der Wahrheit und Tugend ans Tageslicht emporziehen, welche im Schoße des Chriſtentums ruhen, wenn wir inmitten der ſo lebendig ſich entfaltenden materiellen und geiſtigen Kräfte, deren Entbindung und Entfaltung unſere Zeit die glänzende äußere Entwicklung verdankt, deren ſie ſich rühmt, nun auch jene inneren und innerſten ſittlichen Kräfte mobil machen, ohne welche unſere Kultur ſich nicht vor Zerſetzung und Fäulnis bewahren kann, ohne die ſie mitten in ihrem Glanze dem uralten und nie ſchlummernden Feinde, der Barbarei früher oder ſpäter zum Opfer fallen muß. Die ſittlich⸗religiöſen Kräfte, die das Chriſtentum in ſich birgt, bilden ſchließlich allein eine die Familie und damit den Staat und die Geſellſchaft erhaltende, wahrhaft konſervative Macht, und kein Staatsmann, kein Staatsdiener darf an dem großen Kapital, das in der chriſtlichen Wahrheit uns anvertraut iſt, gleichgiltig vorübergehen, wenn er nicht ſeine höchſte politiſche Pflicht, die ja von ethiſcher Art iſt, verſäumen und verleugnen will.
An ihrer ethiſchen Kraft und Fülle haben die verſchiedenen Religionen und Konfeſſionen in edlem Wettſtreit ihren Wert zu erproben. Wenn wir nun für das Chriſtentum den Anſpruch erheben, daß ihm die größte völkererziehende Kraft inne wohne, daß es durch ſeine reine Sittenlehre der Welt eine neue Geſtalt gegeben habe und auch für alle Zukunft die Welt zu überwinden und zu verklären berufen ſei, ſo wollen wir damit keineswegs das Chriſtentum zu einer bloßen Moral herabſetzen, wir ſind weit entfernt, die Bedeutung der chriſtlichen Dogmen und der chriſtlichen Dogmatik zu unterſchätzen. Mit Recht weiſt J. Kaftan in der Schrift„Brauchen wir ein neues Dogma?“(S. 49) darauf hin, daß ohne Dogma das Chriſtentum„zerfließt und ſich in einen unklaren Idealismus verliert, der ſich undogmatiſches Chriſtentum nennt.“ Aus dem Glauben ſchöpft die chriſtliche Sittenlehre ihre unver⸗ gleichliche Kraft. Ohne den Glauben würde auch die reinſte Faſſung des Geſetzes uns nicht weiterhelfen. Grade darin, daß das Chriſtentum zu dem kategoriſchen Imperativ„Du ſollſt“, zu dem auch die edelſten Vertreter des Heidentums den Weg fanden, ein aus geheimnisvollen Tiefen des Geiſtes und Gemüts geſchöpftes„Du kannſt“ hinzufügt, indem es in dem Glauben die Kraft mitteilt, das Sittengeſetz zu erfüllen, überbietet es alle anderen Religionen an Leiſtungsfähigkeit, macht es aus dieſer armen Welt, in der ſonſt der Peſſimismus ſeine Fahne zu entrollen Grund genug hat, für uns eine neue Welt, die wir mit Leibnitz als die beſte aller Welten in frohem Optimismus begrüßen dürfen. Empfehlen wir aber ſo den chriſtlichen Glauben als eine unerſetzliche Lebensmacht, ſo iſt in der chriſtlichen Glaubens⸗ wiſſenſchaft, der Dogmatik, der Nachweis für die Richtigkeit dieſer Empfehlung zu erbringen. Es iſt die Aufgabe der Dogmatik ass derjenigen theologiſchen Disciplin, die recht eigentlich die Theologie La ⁸o*ν iſt, Zeugnis abzulegen von dem, was das eigentümliche innere Leben eines Chriſten


