Aufsatz 
Die Lehre von der Rechtfertigung aus dem Glauben : vom ethischen Gesichtspunkte aus dargestellt / von August Dieckmann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Die Tehro von der Rechtfertigung aus dem Glauben, vom ethiſchen Geſichtspunkte aus

dargeſtellt von

Dr. RHuguſt Dieckmann.

Es hat im Verlaufe der Kirchengeſchichte Zeiten gegeben, wo eine Frage aus dem Gebiete der chriſtlichen Glaubenslehre weit über den Kreis der zunächſt an ihr beteiligten Leute vom Fach, der Theologen hinaus alsbald dem allgemeinſten Intereſſe begegnete und auf das Volksleben, ja auf das politiſche Leben eine gewaltige Wirkung übte. Wir brauchen die Beiſpiele hierzu nicht in dem fernen Orient zu ſuchen, in der Heimat der weltgeſchichtlich bedeutendſten Religionen, wo Jahrhunderte lang um eines Dogmas willen Bürgerkriege geführt wurden, wie die Geſchichte der bilderſtürmenden Kaiſer beweiſt; auch in der nüchterner denkenden abendländiſchen Chriſtenheit haben bis in die neuere Zeit hinein wichtige dogmatiſche Fragen in der Regel auch eine gewaltige ſociale und politiſche Bewegung im Gefolge gehabt. Es genügt, an die Reformationsepoche, an die Geſchichte des Pietismus in der Zeit Syener's und Francke's, an die Geſchichte der Aufklärung im vorigen Jahrhundert und an die gewaltige Bewegung der Geiſter zu erinnern, die in unſerem Jahrhundert weit über das theologiſche Lager hinaus durch das Erſcheinen des Lebens Jeſu von D. Fr. Strauß hervorgerufen wurde. Aber grade nun in unſerem Jahrhundert ſcheint der bedeutungsvolle Wechſel eingetreten zu ſein, daß dogmatiſche Fragen nicht mehr die Kraft beſitzen, den Volksgeiſt in Wallung und Gärung zu bringen, es hat ſich eine große Gleich⸗ giltigkeit, eine weitverbreitete Indifferenz gegenüber den Fragen der chriſtlichen Glaubenswiſſenſchaft der Menſchen unſeres Zeitalters bemächtigt, und faſt möchte es ſcheinen, als ob das Intereſſe für Dogmatik einem tödlich erkrankten Patienten gliche, den keine menſchliche Kunſt mehr vor dem Untergange zu bewahren vermag. Schon triumphieren viele der ſogenannten Aufgeklärten: Die Dogmatik gehört der Vergangenheit an und behauptet die vornehmſte Stelle in der Geſchichte der menſchlichen Verirrungen und Verkehrtheiten, wie einſt ein bedeutender rationaliſtiſcher Theologe die Kirchengeſchichte betitelte, das Fach, das er als Univerſitätslehrer zu vertreten hatte. Und nicht bloß Freidenker und Vertreter einer materialiſtiſch gerichteten Naturphiloſophie laſſen den Ruf ertönen:Nur keine Dogmatik mehr!, auch ernſte und mit dem Chriſtentum es wirklich wohlmeinende Theologen glauben eben im Intereſſe des Chriſtentums ſelbſt die Dogmatik von dem Chriſtenthum abſtreifen zu müſſen, wie die Schale abzufallen beſtimmt iſt, wenn ſie dem in ihr geborgenen Kerne die ſeiner Entwicklung günſtigen Dienſte geleiſtet hat. Als ein ‚deutſcher Idealiſt, der durchaus nichts wiſſen will von einer herzlos⸗verſtändigen, bloß mechaniſchen Weltauffaſſung, die jetzt ſo vielfach den Anſpruch erhebt, die allein noch in unſerer Zeit hoch geſteigerter Naturerkenntnis berechtigte zu ſein, als ein im kirchlichen Leben mitten drin ſtehender und um ſeine Hebung bemühter Geiſtlicher hat der Superintendent Otto Dreyer in Gotha einemundogmatiſchen Chriſtentum, wie ſich ſein Buch betitelt, das Wort geredet, und viele, die zu den Freunden der Kirche