Aufsatz 
Aus dem Leben Karls des Großen
Entstehung
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Nicht lange nachher fand eine Reichsverſammlung ²*³) ſtatt, an welcher außer dem Pabſte alle Biſchöfe und Prieſter, die Großen der Franken, die römiſchen Senatoren und die von Leo aus den Nachbarſtädten berbeigerufenen Volksmaſſen mit Theil nahmen. In der Verſammlung ¹¹⁴*) ward ein Vortrag gehalten, wie bei den Griechen der kaiſerliche Name aufgehört und ein Weib das Reich inne hätte, das den Sohn des Kaiſers ſchändlicher Weiſe gefangen und geblendet und ſich den kaiſerlichen Namen angemaßt hätte; wie die Römer von den Griechen ſeit langer Zeit ſchon im Stiche gelaſſen ſeien, und daß Karl die Römer nicht zurückſtoßen könne. Nach Anhörung dieſes Vortrages erklärte man, es ſei durch Gottes Fügung ſo geſchehen, auf daß ſie den König Karl zum römiſchen Kaiſer ausriefen, welcher des Reiches Mutter und Haupt⸗ Rom, beſäße, wo ſtets die Cäſaren zu reſidiren pflegten, damit die Chriſten nicht zur Schmach und zum Geſpötte der Heiden würden, wenn bei den Chriſten der Name des Kaiſers aufhörte. Sonach ſchien es Allen gerccht, den Beherrſcher der Franken auf Anſuchen des ganzen chriſt⸗ lichen Volkes zum Kaiſer zu ernennen. Die Feierlichkeit der Erneuerung des Reichs und der Kaiſerkrönung ward hierauf auf den Weihnachtsmorgen anberaumt. Es ſcheint ſicher, daß Karl dann vor dem Hochamte die Krone vom Altare nehmen und ſich ſelbſt aufſetzen wollte.

Die Nebenfeierlichkeiten ſollten dem Pabſte verbleiben, wie es bei der Erhebung ſeines Vaters Pippins gehalten war, wo dem Beſchluſſe der Reichsverſammlung und der Thronbeſteigung die Salbung durch Bonifacius nachfolgte. Leo dagegen drehte die Sache um. Karl hatte in dem Proceſſe des Pabſtes gegen die römiſchen Rebellen über dem Pabſt wie über einen Unterthanen zu Gericht geſeſſen. Dieſe Blöße glaubte der Pabſt dadurch bedecken zu können, wenn er, wie auf hoͤhere Eingebung plötzlich dem König die Kaiſerkrone aufſetzte und dadurch den Anſchein erregte, als ſei das römiſche Kaiſerthum vom Pabſte wie von einem Großkurfürſten*) dem deutſchen Helden verliehen. Dieſer Meiſterzug römiſcher Staatskunſt gelang vollkommen.

Am Morgen des**³) Weihnachtsfeſtes ging Karl mit den Großen der Krone, den Hoch⸗ würdenträgern der Kirche und allem Volke der Römer in den Perersdom, um die Meſſe zu

210. 229. 146) Mon. Sangall. 1, 28. Moiſſiac. Bouquet 451: per electionem populi romani; bei Hlothars Kaiſerkrönung heißt's: a populo romano appellatus Augustus. Pertz 1, 358. 2, 381. Leibnitz 210. 147) Der hier geſchilderte Vorgang, der nicht weniger beglaubigt iſt, als er in der Natur der Sache liegt(denn wie konnte Leo Karl zum Kaiſer ausrufen ohne vorgängige Wahl, ohne Genebmigung des Reichsrathes? Leibnitz 241), iſt dadurch in Zweifel gezogen, daß Einhard v. c. 28 ſagt, der König ſei anfangs über den Kaiſernamen ſo unwillig geweſen, daß er betheuert, er würde an dem Tage nicht die Kirche betreten haben, wenn er des Pabſtes Abſicht hätte voraus ahnen können. Mon. Sangal. 1, 28 und poeta Saxo ſchieben Karls Zorn auf die Furcht vor Byzanz, was jedoch Einhard gerade läugnet. Leibnitz 211. Daß Karl jedoch ſofort nach der Meſſe dem Pabſte die im voraus bereit gehaltenen Geſchenke überreicht, daß der abweſende Alcuin im voraus weiß, daß Karl nun ſchon Kaiſer ſein müſſe, beweiſt, daß Karl nicht durch den Kaiſernamen überraſcht ſein konnte. Idler 1, 239. Es war alſo blos die Form, welche dem neuen Kaiſer mißfiel; er wollte ſich die Krone ſelbſt aufſetzen, nicht vom Pabſte aufſetzen laſſen. Das zeigt ſein Verfahren, wie er vor dem Reiche zu Aachen im Dome ſeinen Sohn Hludwig auf⸗ fordert ſich die Krone vom Altare ſelbſt zu nebmen und aufzuſetzen. Einhard v. c. 30 Theganus c. 7. Leibnitz 289 ff.(Ebenſo geſchab es 817 mit Kaiſer Hlothar. Leibnitz 312.) Eine Krönung oder Einweihung durch Leo verlangte Hludwig nicht. Leo's Nachfolger aber kam ungerufen nach Frankreich und conſecrirte und ſalbte nach⸗ träglich den Kaiſer, ſowie er anch deſſen Gemahlin krönte. Auch datirte Hludwig ſeine Kaiſerjahre nicht ſeit dieſer Salbung, ſondern von ſeiner Thronbeſteigung. Karl der Kahle war der erſte, welcher imperatoris nomen a Prae- sule sedis apostolicae ingenti pretio emerat. Regino ann. 877. Erſt ſeit Kaiſer Maximilian I. iſt das Sitte geworden, was Karl der Große gewünſcht hatte, nämlich daß die Kaiſerkrönung nicht vom Pabſte abhange Leib⸗ nitz 305. 148) Etwas Aehnliches hatte Abbé Sisyes 1799 für Frankreich vor, indem er ſich zum Grand electeur der franzöſiſchen Conſuln machen wollte. Leo 5 p. 328. 149) Pertz 5, 151. sexta feria Kal. Januar. Einhard 3