Aufsatz 
Reisebericht (über die Taubstummen-Institute in Münster, Halberstadt, Magdeburg, Berlin, Dresden, Prag und Gmünd) : Fortsetzung und Beschluß
Entstehung
Einzelbild herunterladen

9

ſie Eigenthum des Herrn Jenke iſt, der kraft einer Miniſterialurkunde für ſeine Lebensdauer als Director ihr vorſteht und die geſammte Oekonomie und das Lehrerweſen in Händen hat. Die Zöglinge, 70 an der Zahl, ſind deshalb auch ſeine Penſionäre und haben das Glück, ſich einer durchaus familiären Be⸗ handlung zu erfreuen. Die Aufnahme der Kinder erfolgt im 8. Lebensjahre, wird ausnahmsweiſe aber auch älteren geſtattet, weshalb noch völlig Erwachſene im Unterrichte ſind; ſie findet jedesmal zu einer beſtimmten Zeit und zwar nach der Confirmation der Abiturienten ſtatt. Die Dauer der Unterrichtszeit iſt bei täglich ſechsſtündigem Unterrichte auf 6 bis 8 Jahre berechnet, man will ſie aber in der Folge wenigſtens auf 7 bis 8 Jahre feſtſetzen, weil man in Erwägung der Sprach⸗ und Gedankenarmuth taubſtummer Kinder den ſechs⸗ jährigen Unterrichtscurſus mit Recht für zu kurz hält. Sämmtliche Schüler ſind in 6 Klaſſen gebracht und werden, weil die Klaſſe nicht wieder in Abthei lungen zerfällt und vollſtändige Lehrkräfte vorhanden ſind, immer unmittelbar vom Klaſſenlehrer bethäͤtigt, eine Einrichtung, welche die geiſtige Bildung der Zöglinge überhaupt, beſonders aber eine ſchnellere Aneigung der Lautſprache ungemein be⸗ günſtigt und fördert. Was die gewerbliche Bildung anlangt, ſo erhalten die Mädchen wöchentlich 12 Stunden weiblichen Induſtrieunterricht, die Knaben aber treten mit ihrer Entlaſſung zu Meiſtern in die Lehre, während man die entlaſſenen armen Mädchen in ein nur für Taubſtumme beſtimmtes Aſyl oder Arbeits⸗ und Verſorgungshaus bringt, das unter dem beſonderen Patronate der Königin Majeſtät ſteht. Dieſes Aſyl iſt nämlich jener heilſame Zufluchts⸗ ort für die Armen, wo ſie Wohnung, Pflege und dauernde Beſchäftigung fin den, ſo daß ſie wenigſtens den größten Theil ihres Unterhaltes ſelbſt verdie nen können, und wo ihnen einſt ein heiteres ſorgenfreies Alter bereitet iſt.

Jenke bezeichnet den Zweck ſeiner Anſtalt ſowie die Mittel, ihn zu er reichen, folgendermaßen:Bildung der Zöglinge zu nützlichen Gliedern der menſchlichen Geſellſchaft und beſonders zu Chriſten. Die Unterrichtsgegenſtände umfaſſen Leſen, Schreiben, Rechnen, Zeichnen, Naturgeſchichte, Geographie, Laut⸗ ſprache, welch letzterem Gegenſtande ganz beſonderer Fleiß gewidmet wird; dann deutſche Sprache, bibliſche Geſchichte und Religion

2