Aufsatz 
Reisebericht (über die Taubstummen-Institute in Münster, Halberstadt, Magdeburg, Berlin, Dresden, Prag und Gmünd) : 1. Heft
Entstehung
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ſoll nun zwar dem Taubſtummen das Ohr erſetzen; man bedenkt aber nicht, was es ſagen will, geſprochene Worte durch Abſehen vom Munde zu verſtehen. Dazu wird erfordert: a) ein geuͤbtes Auge; b) ein voller Woͤrterſchatz, ohne den die verwandten Laute der Articulation nicht zu unterſcheiden ſind; c) Ge wandtheit in der Satzconſtruktion; mit einem Worte, der Beſitz der Sprache und hat man dazu durch beſonderen Unterricht verholfen, ſo bedarf es fuͤr den Taubſtummen des gemeinſamen Unterrichts mit hoͤrenden Kindern nicht mehr. Daß es der Taubſtumme zu einem hohen Grade von Abſehfertigkeit bringen kann, zeigt die Anſchauung in allen Taubſtummen-Anſtalten der deutſchen Schule; dieſe Fertigkeit folgt aber nicht aus dem Lautiren allein, darin liegt nur der Anfang davon. Es iſt indeß unendlich ſchwer, dem Publico, ſelbſt Paͤdagogen und Geiſtlichen, dies zur Einſicht zu bringen, wie meine Erfahrung faſt taͤglich zeigt. Wenn nun Staͤndemitglieder, denen es ohnehin kein Sachverſtaͤndiger erklaͤrt, den Kopf zu den bisherigen Reſultaten ſchuͤtteln, und nur dahin ſtreben, ihre Taubſtummen in Anſtalten fuͤr das buͤrgerliche Leben fertig machen zu laſſen, wo ſie ihnen am wenigſten koſten, ſo wundere man ſich nicht. Die bloßen Seminar-Taubſtummen-Schulen muͤſſen eingehen, wenn ihnen keine Schuͤler uͤberwieſen werden und ohne veraͤnderte Stellung zur Sache der Taubſtummenbildung, wie in Preußen bereits geſchehen iſt, werden die Seminar Taubſtummen⸗Schulen aus Mangel an Schuͤlern aufhoͤren und die Privattaub⸗ ſtummen⸗Anſtalt zu Halle wird die uͤbrigen Schulen der Provinz Sachſen unmoͤglich machen.« Und dies wird um ſo eher geſchehen, wenn, wie man ſagt, die Schule zu Halle die Kinder billiger aufnimmt, als die in Magdeburg und Halberſtadt, weshalb ſchon jetzt die Landraͤthe die taubſtummen Kinder ihres Kreiſes Behufs ihrer Ausbildung nach Halle ſchicken wollen.

Die Schule zu Halberſtadt zaͤhlte zur Zeit meines Beſuchs 13 Schuͤler, die, in vier Klaſſen abgetheilt, von Herrn Oberlehrer Aeplinius und zwei Hilfslehrern, Heitefuß und Mewes, unterichtet werden; daneben unterſtuͤtzen noch die Zoͤglinge des Seminars durch ihre Lehrverſuche, welche ſie taͤglich gruppenweiſe mit den taubſtummen Kindern anſtellen muͤſſen. Die Kinder werden im achten und ſelbſt noch unter dem dreizehnten Lebensjahre aufgenom⸗ men. Die jaͤhrlichen Unterhaltungskoſten eines Knaben belaufen ſich auf 65,