Aufsatz 
Zeitgemäße Wünsche und Vorschläge zu einer zweckmäßigen Behandlung der Taubstummen nach dem Austritte aus dem Institute
Entstehung
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Mit dieſen Uebungen muß die Lectuͤre geeigneter, dem Bildungsgrade, ſowie der Faſſungskraft des Taubſtummen entſprechender Elementarſchulbuͤcher Hand in Hand gehen. Die Leſebuͤcher von Jaͤger und Scherr, fuͤr Taubſtumme eigens verfaßt, ſind hierzu ganz beſonders geeignet, aber auch die vortrefflichen Kinder⸗ ſchriften von Chriſtoph Schmid koͤnnen den Taubſtummen mit beſonderem Nutzen in die Haͤnde gegeben werden. Im Gebiete des Sprachlichen dienen dann Be⸗ ſchreibungen uͤber Kunſt⸗ und Naturgegenſtaͤnde, ſo wie Uebungen im Briefſchrei⸗ ben und anderen Geſchaͤftsaufſaͤtzen zur weiteren Belehrung und Fortbildung. Der Lehrer ſtelle die Uebungen ſo an, wie ſie Wurſt, Wagner, Scholz und An⸗ dere in ihren Anleitungen uͤber ſtyliſtiſchen Unterricht angeben, nur laſſe er das fuͤr Taubſtumme Schwierigere, nicht gerade Wiſſensnothwendige hinweg.

Im Rechnen werden die Zoͤglinge ſo weit gefuͤhrt, wenigſtens die faͤhigen, daß man ſie in den gewoͤhnlichen buͤrgerlichen Rechnungsarten uͤben kann, und werden die in der Anſtalt unterrichteten Taubſtummen hierin eben ſo viele Kennt⸗ niß und Fertigkeit zeigen, als auch die Vollſinnigen, inſofern ihnen die Rechnungs⸗ aufgaben nur nicht zu ſchwer gegeben werden; die complicirten Berechnungen koͤn⸗ nen nur bei gut beanlagten Koͤpfen ihre Anwendung finden. Obgleich unſere Zoͤglinge auch mit dem Zweiſatze vertraut gemacht werden und die leichteren Regel detri Rechnungen darnach zu loͤſen wiſſen; ſo iſt's doch beſſer, der Lehrer laͤßt ſie nach dem Dreiſatze machen, weil ſie in der Anſtalt beim ſchriftlichen Rechnen mehr darin geuͤbt werden, und zudem dieſe Rechnungsart fuͤr den Taub⸗ ſtummen leichter, auch uͤberhaupt noch gewoͤhnlicher iſt, als jene. Man lehre es in den Abendſchulen mit beſonderer Anwendung auf die kuͤnftigen Berufsarten der Zoͤglinge, ſo daß der Schuſter vorzuͤglich ſein Leder, der Schneider ſein Tuch, der Schreiner ſeine Bretter berechnen lerne.

In der Regel hoͤrt die Seelenpflege fuͤr die Taubſtummen mit der Confir⸗ mation und erſten Abendsmahlsfeier ganz auf, und die ewigen Segnungen des Chriſtenthums ſind ihnen dann weniger zugaͤnglich als dies in ihrem Schulleben, wo man in naturgemaͤßer Weiſe lehrend und ermahnend auf ſie einwirken konnte, der Fall war. Und doch iſt es fuͤr den Menſchen heilſam, und je niedriger die Stufe der geiſtigen Bildung iſt, die er erreicht hat, auch deſto nothwendiger, daß ihm der ſpaͤtere Lebenskreis, das Leben nach der Schule, den Weg des Heils,

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