Aufsatz 
Zeitgemäße Wünsche und Vorschläge zu einer zweckmäßigen Behandlung der Taubstummen nach dem Austritte aus dem Institute
Entstehung
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und Abendſchule unterrichte den im Inſtitute gebildeten, nun wieder in ſeinem Geburtsorte lebenden Taubſtummen in denſelben Gegenſtaͤnden, ausſchließlich des Geſanges, worin er ſeinen Sonntagsſchuͤlern Unterricht ertheilt, namentlich in der Sprache, dem weſentlichen Theile des Taubſtummen⸗Unterrichts, im Rechnen, Zeichnen und den Realien; er lege ihm moͤglichſt einfache, leichte Aufgaben und Fragen vor, und es wird ſich gewiß bald ein gegenſeitiges Verſtaͤndniß herſtellen, ſo daß Lehrer und Schuͤler Freude zu ihrer Arbeit gewinnen, und letztere vor geiſtigen Ruͤckſchritten auf ihrem dunkeln Lebensgange geſſchert bleiben. Um ſo eher werden die Lehrer mit unſern Taubſtummen zurecht kommen, da ſie im Ab⸗ ſehen vom Munde des Redenden, inſofern dieſer langſam und etwas markirt ſpricht, geuͤbt ſind; weshalb ſie das vom Lehrer langſam Geſprochene ableſen und verſtehen koͤnnen. Sollte der Lehrer anfangs nicht verſtanden werden, was bei nicht gehoͤriger Aufmerkſamkeit und Sammlung des Schuͤlers leicht der Fall ſein koͤnnte; ſo wiederhole man den Verſuch, verliere aber dabei die ſo nothwendige Geduld nicht. Die zuſammengeſetzten, mehr im kuͤnſtlichen Periodenbau gehaltenen Redeweiſen und Sprachſtuͤcke, deren Verſtaͤndniß fuͤr den Taubſtummen ſchon ſchwierig iſt, zerlege man ihm durchweg in einfache Saͤtze, entferne alle unnoͤthi⸗ gen Ausdruͤcke aus denſelben, die wie die Zierrathen am Kleide, nur zur Ver⸗ ſchoͤnerung der Rede dienen, dem Taubſtummen aber das Verſtaͤndniß erſchweren, und man wird die Ueberzeugung gewinnen, daß dieſem die Sache verſtaͤndlich iſt und damit ein gluͤckliches Ziel erſtrebt wird. Bei verkehrter Beantwortung einer Frage gebe ihm der Lehrer in einfacher, ungezierter Sprech⸗ und Sprach⸗ weiſe die rechte Antwort, dulde durchaus keine unvollſtaͤndige, ſondern laſſe ſie vollſtaͤndig, jedoch in moͤglichſt wenigen Worten geben. Zur beſſeren Aneignung und Befeſtigung der Sprache werde der Taubſtumme angehalten, die Frage in ſeiner Antwort jedesmal zu wiederholen. Die Unterweiſung kann und muß muͤnd⸗ lich und ſchriftlich Statt finden, bei der muͤndlichen beobachte man, wie oben be⸗ merkt, ein langſames, ausdrucksvolles Sprechen, damit es der im Ableſen mehr oder minder geuͤbte Taubſtumme, je nachdem er Abſehfertigkeit beſitzt, welche bei Taubſtummen verſchieden iſt, vom Munde ableſen und verſtehen kann; bei der ſchriftlichen dienen Tafel und Griffel und in Ermangelung deſſen Anderes als Schreibzeuge. Die Aufgaben nach Hauſe und fuͤr den Privatfleiß gebe man ihm