Aufsatz 
Über platonische Mythen, insbesondere den Mythos im platonischen Phädrus / von ... Deuschle
Entstehung
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den ſeeliſchen Individualitäten und der letzte, größte Theil endlich, der von 253 C. bis 256 E. reicht, führt die Wirkungen und Aeußerungsweiſe des Eros in der einzelnen Menſchenſeele nach der inneren Natur derſelben unter dem Bilde eines Kampfes verſchiedener Kräfte vor. Wenn ich nun jeden dieſer Theile einer kurzen Betrachtung unterziehe, ſo ſetze ich dabei für das Einzelne die Darſtellung Kriſches voraus und beſchränke mich nur auf die Erörterung der eigenthümlichen Form des weſentlichen Inhalts. Der Hauptbegriff, auf dem die ganze Darſtellung von dem Eros beruht, iſt der der Wiedererin⸗ nerung, welche, wie oben gezeigt war, die Stelle der Entwicklung des Inhalts der Seele zum vollen Bewußtſein vertritt. Dieſe Wiedererinnerung muß ſich auf alle Ideen gleichmäßig beziehen und gleich⸗ mäßig angeregt werden durch die Dinge der Erſcheinung, welche jenen als ihre Abbilder entgegentreten. Die Ideenaſſociation, wie wir ſagen würden, wird hier das hervortreibende Element ſein. Gleich⸗ wohl wird dieſe Wiedererinnerung beſchränkt durch das Schöne und die Erfaßung, z. B. der Idee der Gerechtigkeit und Beſonnenheit als ferner liegend und ſchwieriger ausgeſchloßen. Der Grund liegt einmal in dem Inhalt, ſodann in der Form der Darſtellung. Die mythiſche Form mußte ein Einzelnes heraus⸗ greifen und das eben ein ſolches, deſſen Begriff ſelbſt ſchon Anziehungskraft in ſich trug, der von allen als edel anerkannt und gefeiert wird, damit er ein würdiger Vertreter der ganzen Ideenwelt ſei. Er mußte zugleich unmittelbar ſinnenfällig ſein und die mannigfachſte pſychiſche Anregung gewähren; indem das Schöne dieſes leiſtet und jenes iſt, wird es geeigneter Träger, für den tieferliegenden, allgemeineren Gedanken. Das Schöne muß alſo der Form nach gefaßt werden als Vertreter der ganzen Ideenwelt und die pſychiſchen Vorgänge, die es erregt, entſprechen zugleich Vorgängen, die durch die ideale Welt her⸗ vorgerufen werden. Aber auch ſeinem Inhalt nach mußte es dem Geſammtinhalt des Mythos adäquat ſein. Ich meine das ſo: Es konnte die ganze Ideenwelt nicht zum unmittelbaren Gegenſtand dieſer Wie⸗ dererinnerung gemacht werden; denn da vorerſt der Eros als ein Allgemeines hinzuſtellen war, mußte er zugleich auch den verſchiedenſten Abſtufungen Raum gewähren. Das hätte aber weder die Ideenwelt ver⸗ mocht, wenn ſie gleich als ein Ganzes erſchien, noch auch ein einzelner Begriff abſtrakter Art, wie der einer Tugend, der nur Objekt einer vollen Wahrheitserkenntniß ſein konnte, d. h. in ſeiner Erkenntniß alle übrigen mit beſchloß. Das Schöne war dagegen ein paßendes Objekt; denn es reicht ebenſoſehr hinauf in die höchſte Höhe der Ideenwelt und iſt identiſch mit dem Guten und wird inſofern Objekt der höchſten dialektiſchen Erkenntniß, als es andererſeits wiederum Objekt der allem Geiſtigen anſcheinend ab⸗ gewendeten und doch gleichſam beflügelten Sinnlichkeit wird. Ferner bot das Schöne in ſeinen einzelnen Geſtalten auch äußerlich die größte, ſinnlich unterſcheidbbare Mannigfaltigkeit; und dies ſtimmt mit einem anderen Poſtulate, das zu berückſichtigen war. Denn ſofern es ſich um Erkenntniß der Ideenwelt über⸗ haupt handeln ſollte, mußte zugleich der Gegenſatz derſelben zur Erſcheinungswelt feſtgehalten werden und es galt zu zeigen, wie eine trausſcendente Erkenntniß möglich ſei in dieſer Erſcheinungswelt. Der Grund war ſelbſt transſcendent, ſofern er in die Wiedererinnerung früher ſchon gefaßter Erkenntniß gelegt wird; aber dieſer Grund bedurfte einer äußeren Anregung; um überhaupt wirkſam zu werden. Dieſe Anregung geht von der Erſcheinungswelt ſelber aus, weil ſie die Abbilder der Ideen in ſich hat; wäre das nicht, ſo käme man auch nicht zum Bewußtſein des mitgebrachten Inhalts, nachdem es einmal geſchwunden iſt. So bedurfte denn die Erſcheinungswelt und die Ideenwelt einer Vermittlung; ein Objekt mußte gefunden werden, in dem ſich beide begegneten. Da iſt nun gerade der Begriff der Schönheit derjenige, deſſen Erſcheinung die Idee am klarſten durchſcheinen läßt und unmittelbar von dem ſinnlichen Stoff und dem ſinnlich Einzelnen faſt in myſtiſcher Weiſe hinreißt zu einem geahnten Höheren, Göttlichen, das hinter