Aufsatz 
Über platonische Mythen, insbesondere den Mythos im platonischen Phädrus / von ... Deuschle
Entstehung
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Mit 249 C. beginnt endlich der zweite große Haupttheil des Mythos, die Darſtellung der vierten Art des göttlichen Wahnſinns, der als Eros bezeichnet wird. Hatte uns Plato in dem erſten Haupttheil das Weſen der Seele und ich möchte ſagen, ihre transſcendentale Entwicklungsgeſchichte vorgeführt, ſo gibt er uns jetzt die Entwicklungsgeſchichte der menſchlichen Seele in dieſem irdiſchen Leben. Dieſe ruht natürlich auf jener. Und gerade darin zeigt er ſeine unerreichbare Tiefe, daß die eigentliche Aufgabe dieſer Entwicklungsgeſchichte lediglich den allgemeinen Standpunkt feſthalten ſollte, indem ſie zu zeigen hatte, wie der Menſch als ſolcher in ſich den Trieb und die Kraft habe, ſich wieder aufzuſchwingen zu den verlaßenen idealen Höhen und das verlorene Beſitzthum wieder zu erobern, daß aber dieſe faſt ab⸗ ſtrakte Aufgabe gerade an dem allerkonkreteſten und ſinnlichſten Gegenbilde gelöſt ward. Will man dieſes enge Verwebtſein des Allgemeinen mit dem Einzelnen recht erfaßen, wie es nur in mythiſcher Form hervortreten konnte, ſo darf man vor allem dem Eros keine zu beengte und beſchränkte Bedeutung unterlegen. Man hat geſagt, er bedeute den philoſophiſchen Trieb; ich glaube auch, daß er dieſen be⸗ deutet, aber eben nur in ſeiner höchſten vollendetſten Art; denn ich glaube nicht, daß es gelingen möchte, alle Einzelnheiten damit allein gehörig zu erklären. Vielmehr ſehe ich in dem Eros den Trieb der menſch⸗ lichen Seele ſich ihres eigenen Inhalts zu bemeiſtern und ihn zugleich zum Inhalt anderer Seelen zu machen. Nur ſofern dieſen Inhalt ſelbſt die höchſten Ideen ausmachen, nur inſofern wird der Eros auch gleichbedeutend mit dem philoſophiſchen Trieb und inſofern dieſer der höchſte, allen anderen überge⸗ ordnete iſt, enthält er auch das Ziel, nach dem der Menſch überhaupt ſtreben ſoll. Es läßt ſich daher auch eine ununterbrochene Reihenfolge bilden von dem Höhepunkt menſchlicher Seelenthätigkeit bis hinab zu der ſinnlichen Liebe; wie ſie denn in der That auch in dem Sympoſium in den Hauptzügen gezeichnet wird. Warum nun gerade der Eros zum Gegenbilde dieſes Triebes gemacht wird? Es ſoll in dem Mythos das Pſychiſche verſinnlicht werden. Es konnte nur geſchehen durch eine Unterlage aus dem Gebiet der Sinnlichkeit, welche ſich einmal nicht lediglich beſchränkt auf die Leiblichkeit, ſondern hinein⸗ ragt und ihren Grund findet in pſychiſcher Thätigkeit. Denn ſonſt wäre kein Mythos, es wäre eine Allegorie entſtanden. Ferner mußte der Trieb mächtig und lebendig genug ſein, um die Lebensrichtung des Menſchen, den er einmal ergriffen, allein zu beſtimmen, ihm ein einheitliches Ziel ſeines Strebens zu ſetzen, auf dieſes alles Denken, und Handeln zu beziehen und wenn dann endlich der erſtrebte Gegen⸗ ſtand in ſeinen Beſitz gelangt iſt, ihn in fortwährender Gemeinſchaft mit ihm zu erhalten. So durfte denn der Trieb noch nicht befriedigt ſein, wenn der Gegenſtand, das Ziel desſelben, ergriffen war; er mußte auch der aktiven Richtung der Seelenthätigkeit Genüge leiſten und eine entſprechende Wirkſamkeit nach Außen in ſich ſchließen, in welcher ſich die Eingeſtaltung des eigenen inneren Beſitzthums in die Seelen Anderer darleben konnte. Natürlich mußte dieſer Trieb der edelſte der Sinnlichkeit ſein, damit, wenn dieſe in ihm geadelt würde, zugleich das Ideale, Geiſtige, Göttliche der Seele als ſeine wahre Unterlage erſcheinen könne; und endlich mußte er ſo aus der allgemeinen menſchlichen Natur herausge⸗ griffen ſein, daß er nach ſeiner paſſiven wie aktiven Seite hin alle Modifikationen der individuellen Na⸗ turen charakteriſtiſch in ſich abſpiegeln konnte. Sehen wir nunmehr zu, was uns die Darſtellung von dem Eros im Einzelnen bringt.

Ich unterſcheide vier Haupttheile, die unter ſich freilich ſehr enge zuſammenhängen. Der erſte reicht bis 250 C. und handelt von dem Weſen und tieferen Grunde des Eros; der zweite von 250 E. bis 252 C. zeigt die Entſtehung und das Wachſen des Eros in der menſchlichen Natur von allgemeinem Ge⸗ ſichtspunkte aus; der dritte von 252 C. bis 253 C. beſpricht die individuelle Geſtaltung des Eros nach