Aufsatz 
Über platonische Mythen, insbesondere den Mythos im platonischen Phädrus / von ... Deuschle
Entstehung
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die ihre Speiſe ſuchen in der wahrhaften Erkenntniß, die Schwierigkeit, den höchſten Punkt der Welt zu erreichen, von dem aus der freie Blick das wahre Sein erreichen kann, die 11* 9 des Himmels, die gleichſam von ſelbſt, wie es bei den unter einander innig verknüpften Ideen im Vorgang des Erkennens natürlich iſt, an den einzelnen Ideen vorüberführt, wie an leuchtenden Punkten, die an verſchiedenen Stellen der außerweltlichen Welt befeſtigt wären, das alles zuſammen umgibt den Vorgang der Erkennt⸗ nißerfaßung mit einer Feierlichkeit, die ſo recht nachdruͤcklich die Wichtigkeit dieſes Punktes vor allen anderen ab⸗ und hervorhebt. Gerade daß dieſe ewige Aufgabe, dieſe fortdauernde Thätigkeit der Seele, wie ein einmaliges Geſchehen vorgefüͤhrt wird, daß es gleichſam auf die Gunſt des Augenblicks ankommt, in welchem die volle Kraft der Seele ſich anſpannen muß, die für ihr Leben enſcheidenden Eindrücke von den ſo raſch voruͤberfliegenden Objekten in ſich aufzunehmen, gibt ihr eine Weihe und indem es alles Intereſſe des Leſers auf dieſen einzigen Moment konzentrirt, ſtellt es das Ziel vor das Auge, nach dem all ſein Streben ſich zuſammenfaßend richten ſoll, mehr, als wenn ein ewiges Zuſammenſein und müheloſes Genießen der dargebotenen Erkenntniß dargeſtellt wuͤrde. Weil dies eben ohne die Darſtellung des Wer⸗ dens der ſubjektiven Erkenntniß und ihrer Entwicklung in nackt dogmatiſcher Geſtalt nicht hätte behandelt werden können, ſo greift der Mythus das Ziel heraus und läßt in ihm alle Entwicklung beſchloßen ſein. Auch kann wohl die Anſpannung der Kraft, welche nöthig iſt, um die Erkenntniß zu erlangen, nur in dem Vorgange eines einmaligen Geſchehens vollſtändig hervortreten, in dem ſie zum höchſten Maaße durch die Umſtände gedrängt ſcheint. Es iſt vielleicht möglich, zu der Theologie unſerer Stelle noch einzelne Aufſchluͤße zu gewinnen; daß es aber auf dem Weg der aſtronomiſchen Deutung nicht geſchehen wird, bin ich gewiß und glaube ebenſo ſicher, daß jedes tiefere Verſtändniß doch zunächſt von dem unmittelbaren Eindruck ſich leiten laßen muß, nicht ſuchen darf nach geiſtreicher Auslegung, die zwar das Unvereinbare vereinen mag, aber mit Platos Anſchauung ſchwerlich zuſammenſtimmt.

Die Beſtimmung der Zwiſchenzuſtände zwiſchen dem erſten Körperleben der Seele und den folgenden tritt merkwürdiger Weiſe aus dem Zuſammenhang mit dem früheren Zuſtande der Seelen heraus, in dem ſie an dem Schauen der Ideen mit den Göttern ſich betheiligen konnten. Die Schlechten gehen zum Ge⸗ richt unter die Erde und die Guten werden auf einen Ort des Himmels erhoben. Eine beſtimmte An⸗ ſchauung von dem Leben, das ſie dort führen, wird uns im Phädrus nicht gegeben; an eine Beſchäf⸗ tigung mit den Ideen ſcheint für die Zwiſchenzuſtände nicht zu denken; denn ihre freilich ſo ſtück⸗ weiſe Erkenntniß hat ein für allemal Statt gefunden und der Lebensberuf in den folgenden Metenſomatoſen hängt nicht mehr ab von dem Grade jener Erkenntniß, des idealen Seeleninhaltes, ſondern wird auf eine Wahl und Verlooſung zurückgeführt, wie Rep. 614 ff. am ausführlichſten beſchrieben wird. Der Grund i*ſt offenbar, weil das Intellektuelle nunmehr nicht mehr alleiniger Beſtimmungsgrund ſein kann, ſondern der ſittliche Inhalt, wie er, freilich im Zuſammenhang mit dem intellektuellen, in dieſem Leben iſt erworben worden, tritt nunmehr als eine Mitbedingung hinzu. Die Wahl ſcheint frei und willkürlich; aber ſie iſt im tiefſten Grunde doch eine nothwendige. Sie beruht auf dem ganzen Sein der Menſchen⸗ ſeele, wie es ihr nunmehr als gewordenes inhärirt und die Wahl des Looſes ſoll darum nichts anderes bedeuten, als die Konſequenz, darnach der Inhalt auch die Form des Lebens geſtaltet. Unter allen Ge⸗ bieten des Seelenlebens iſt aber gerade das ſittliche am wenigſten Gegenſtand des Mythos im Phädrus. Der Phädon gibt insbeſondere daruͤber nähere Auskunft. Freilich liegen auch die Grundzüge nach dieſer Richtung bereits vorgezeichnet in der Darſtellung des Präeriſtenzzuſtandes, ſodaß ein Widerſpruch nicht eintritt. Aber einen ſpeziell mythiſchen Ausdruck hat es nicht gefunden, darum darf ich es hier übergehen.