Aufsatz 
Über platonische Mythen, insbesondere den Mythos im platonischen Phädrus / von ... Deuschle
Entstehung
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immer nur zu einem ſtückweiſen Ergreifen der Erkenntniß ſoll gelangen können, und welcher Art in den Zwiſchenzeiten ihre Beſchäftigung ſein ſoll. Dieſe Erzählung von dem Umzuge der Seelen iſt daher in der That mythiſcher Art in dem Sinne, daß ſie eine dem Inhalt inadäquate Form iſt, um über die be⸗ grifflichen Schwierigkeiten der Sache hinwegzuheben und nur das Weſentliche zu begründen, daß die Seele ſchon in dem Präeriſtenzzuſtande die Erkenntniß der Ideen erlangt hat, indem ſie dieſelben erſchaute. Das Eigenthümliche dabei iſt, daß ſie gerade in die äußere Form des Werdens hineinwirft, was von dem Begriff des Werdens vor allem ganz befreit werden müßte wenn es eben eine Möglichkeit geweſen wäre. Relativ iſt es erreicht; denn das Werden iſt in der That aus dem Erkennen der Seele in dieſer irdiſchen Welt gebannt; damit hat die harmloſe Erzählung in dieſem Mythus ihren Zweck erreicht und das Andere iſt gleichgültig. Aber ſie iſt trotzdem von ſo großer Bedeutſamkeit und ſo trefflich gewählt, daß aus ihr noch verſchiedene Reſultate erfolgen, welche Thatſachen des irdiſchen Lebens erklären.

Zuerſt gibt ſie an der Stelle einer begrifflichen Nothwendigkeit des Uebergangs der Seele in die Leiblichkeit eine hiſtoriſche. Das iſt ſo recht platoniſch, daß in dieſes eine, rein mythiſche Moment ſo recht viel zuſammengeknuͤpft wird. Jener Uebergang läßt ſich ſchlechthin aus dem reinen Weſen der Seele nicht erklären und doch muß er der Seele eigene Schuld ſein. Nur iſt es, und das iſt auch platoniſch, keine ſittliche, ſondern eine intellektuelle Schuld, da ſich das Sittliche überhaupt ins Intellek⸗ tuelle und ſeinen Gegenſatz auflöſt. Welcher Art nun ſpeziell dieſe Schuld ſei, ſagt Plato nicht; die Worte: α Ourνννᷣ ½οναmνε L9⁸ Te αœ ναάνια μυνιεκιοσσ m führen abſichtlich raſch uͤber dieſen Punkt hinweg. Daher wird man ſich auch vergeblich abmühen nach einem ſicheren Erklärungs⸗ grunde. Es kommt nur auf die Thatſache an, und dieſe iſt vollſtändig ſicher geſtellt, wenn auch das Weſen der Seele keinen Grund dafuͤr einſchließt. Die mythiſche Einkleidung ſetzt allerdings den Ueber⸗ gang ins irdiſche Leben in nächſten Zuſammenhang mit der Dreitheilung der Seele, indem es gerade der niedere, ſterbliche Theil der Seele iſt, der ſie herabzieht auf die Erde. Allein man wird ſich aus meiner obigen Darſtellung dieſes Punktes erinnern, daß darin gerade das Mythiſche liegt, daß in den Präeriſtenz⸗ zuſtand zugleich der irdiſche Zuſtand mit hineingeſehen wird. Wollte man daher auf dem Standpunkt des Phädrus wirklich feſthalten an der präeriſtenziellen Dreitheilung der Seele, als einer noch dogmatiſchen Annahme, ſo hätte man damit doch nicht einmal einen Erklärungsgrund für den Uebergang, man müßte denn das ſchon für eine Erklärung des Werdens einer Sache halten, wenn ſie unmittelbar als beſtehend geſetzt wird. Aber eben das Werden der Seele ins irdiſche Leben konnte ebenſowenig einer Erklärung theilhaftig werden, wie das Werden ihrer irdiſchen Theile und darum ward mittelſt des Mythos das irdiſche Leben wie der irdiſche Seelenzuſtand als ein beſtehender vorausgeſetzt und nur äußerlich nach hiſto⸗ riſchem nicht nach innerem begrifflichem Zuſammenhang abgeleitet.

Endlich wird in dieſer Erzählung zugleich die Grundlage gewonnen für den Unterſchied der Seele von dem göttlichen Weſen, wie der Thierſeele und der Individualitäten unter einander. Das Letztere ge⸗ ſchieht in der neunfachen Lebensbeſtimmung der Seelen je nach dem Grade, in welchem die Seele die Ideen geſchaut hat, alſo je nach dem mitgebrachten Inhalt und der dadurch bedingten Richtung auf beſtimmte Objekte. Wenn nun auch eine begrifflich feſte Klaſſifikation in dieſer Stelle nicht der Zweck der Aufzählung erheiſchen konnte, ſo geht man doch zu weit, wenn man die einzelnen Beſtimmungen glaubt uͤberſehen zu duͤrfen. Vielmehr entſprechen ſich offenbar zwei Reihen; die erſten vier und die vier darauf folgenden Stufen. Innerhalb der zweiten Reihe wiederholt ſich derſelbe Unterſchied der Stufen unter einander der in der erſten mit höher gefaßtem Principe des Lebensberufs ſchon beſtand. Aeußerlich tritt